Monet vs. Manet: Das sind die Unterschiede
Sie waren Rebellen der Malerei, gelten als "Väter des Impressionismus" und wurden unzählige Male miteinander verwechselt – Claude Monet und Édouard Manet. Die französischen Künstler zählen zu den bedeutendsten Vertretern der Malerei des 19. Jahrhunderts. Auch wenn sie im gleichen Jahrzehnt wirkten, in ähnlichen künstlerischen Kreisen verkehrten und einer unkonventionellen und progressiven Malerei den Weg ebneten, wiesen sie nur wenig Gemeinsamkeiten auf. Zwischen ihren Malstilen und Bildthemen gab es kaum Parallelen.
Im folgenden Artikel soll es darum gehen, die Unterschiede zwischen beiden Malern sowie ihre individuellen Beiträge zur Entwicklung des Impressionismus herauszuarbeiten.
Édouard Manet: Der Individualist
Édouard Manet (1832 – 1883) gehörte zu den wichtigsten Avantgardisten des 19. Jahrhunderts. Er gilt als Modernisierer der Malerei und beeinflusste zahlreiche Künstlerinnen und Künstler seiner Zeit. Manet pflegte enge Kontakte zum Kreis der Impressionisten, stellte aber nie gemeinsam mit ihnen aus und weigerte sich grundsätzlich, sich einer bestimmten Stilrichtung anzuschließen. Sein Werk lässt sich am ehesten als Bindeglied zwischen Realismus und Impressionismus beschreiben.
Mit den akademischen Traditionen der Malerei hatte Édouard Manet schon früh gebrochen. Ab etwa 1860 fand er zu seinem individuellen Stil. Auch wenn er im Kern lange dem Realismus verpflichtet blieb, ging er bei den Themen, der Bildkomposition und der Malweise eigene Wege. Statt dramatischer Historienbilder, heroischer Porträts oder epischer realistischer Landschaften malte er vorwiegend alltägliche Szenen und Porträts einfacher Leute.
Charakteristisch für seine Malerei waren Hell-Dunkel- Kontraste und ungewöhnliche Perspektiven. Außerdem verzichtete er auf kleinere Bilddetails, weswegen seine Malweise oft als "skizzenhaft" bezeichnet wurde. Für viele seiner Zeitgenossen war Manets Themenwahl in Verbindung mit seinem "unfertigen" Malstil zu fortschrittlich. Gleich mehrere seiner Werke sorgten wegen ihrer unkonventionellen und freizügigen Motive für Skandale, zum Beispiel "Frühstück im Grünen" (1863) und "Olympia" (1863).
Er eckte außerdem damit an, dass er die Menschen realistisch und in einer fast dokumentarischen Art und Weise zeigte. Er verzichtete vollständig auf jedwede beschönigende oder idealisierende Form der Darstellung. Diese unverblümte Interpretation der Porträtmalerei galt bereits als sozialkritisch und stellte für viele Kunstkritiker und auch manchen Betrachter eine Provokation dar.
Claude Monet – Galionsfigur des Impressionismus
Claude Monet (1840 – 1926) ist heute ohne Zweifel der prominenteste Vertreter des französischen Impressionismus. Er war nicht nur ein Pionier dieses Malstils, sondern auch eine Schlüsselfigur dieser Epoche.
Monet hatte sich schon früh von der traditionellen Malerei seiner Zeit abgewandt. Die akademische Lehre war damals noch bestimmt von einer Malweise mit vielen realistischen Details und vorwiegend historischen und religiösen Bildthemen. Monet hingegen war weitaus mehr daran gelegen, in seinen Bildern seinen Eindruck von der Atmosphäre des Moments einzufangen. Dabei widmete er sich vorwiegend Landschaften. Statt auf eine präzise Darstellung der Bildgegenstände konzentrierte er sich hier auf die Inszenierung der Lichtstimmung. Dafür malte er vorwiegend mit kurzen Pinselstrichen und Farbtupfern und löste bewusst die Konturen und Details der Objekte erheblich auf.
Um seine Motive möglichst unverfälscht abbilden zu können, malte er viele seiner Gemälde unter freiem Himmel ("Pleinair-Malerei"). Monet schuf zahlreiche Werke, die heute stellvertretend für den Impressionismus stehen. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören die Seerosen sowie weitere Bilder von seinem Garten in Giverny, zum Beispiel von der japanischen Brücke.
Claude Monet hatte aber auch maßgeblichen Anteil daran, dass die Werke progressiver Künstler erstmals einem größeren Publikum zugänglich wurden. Gemeinsam mit mehreren Kollegen organisierte er 1874 eine Ausstellung mit Werken u.a. von Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir und Edgar Degas. Auf dieser Ausstellung wurde auch sein Gemälde "Impression, Soleil levant" gezeigt, das der Epoche ihren Namen geben sollte.
Monet oder Manet – Wer ist der Vater des Impressionismus?
Die Frage nach dem Begründer oder "Vater" des Impressionismus lässt sich nicht eindeutig beantworten. Tatsächlich hatten sowohl Claude Monet als auch Édouard Manet einen erheblichen Anteil daran, dass sich der Impressionismus zu einem der bedeutendsten Stile der Kunstgeschichte entwickelte. Beide machten sich aber auf unterschiedliche Weise um den Impressionismus verdient.
Das große Verdienst von Édouard Manet bestand darin, das er sich als einer der ersten grundsätzlich von den Maximen der traditionellen Malerei seiner Zeit abgewandt hatte. Mit diesem mutigen Schritt sorgte er für eine Aufbruchstimmung unter den Malenden seiner Zeit. Außerdem entwickelte er einen Malstil, von dem sich einige Merkmale später auch im Impressionismus wiederfinden sollten. So verwendete er eine helle und lebhafte Farbpalette. Außerdem arbeitete er nicht alle Details in letzter Präzision aus, sondern komponierte einige Passagen seiner Bilder nur mit kurzen, kraftvollen und freien Pinselstrichen. Mit seinem unkonventionellen Stil leistete Édouard Manet wichtige Basisarbeit, von der sich viele Maler inspirieren ließen.
Auch Claude Monet griff auf Manets Vorarbeit zurück. Seine Leistung bestand wiederum darin, dass er die Ideen Manets weiter ausarbeitete. Er perfektionierte viele der Merkmale, die man heute typischerweise mit dem Impressionismus verbindet. So löste er die Konturen seiner Bildgegenstände noch weiter auf als sein Vorbild Manet. Teilweise ließ er von den Bildgegenständen nur noch die Schemen übrig. Mit seiner innovativen Technik aus überwiegend kurzen Pinselstrichen konnte er einen diffusen Bildeindruck erzeugen, der den Impressionismus bis heute so faszinierend macht. Für die Entstehung dieses Stils waren also sowohl Monet als auch Manet von großer Bedeutung. Letzten Endes ist der Erfolg des Impressionismus aber auch ihrer Kooperation sowie der Arbeit vieler andere Maler des 19. Jahrhunderts wie Renoir, Degas, Sisley, Pissarro oder Cézanne zu verdanken.
Der Monet-Manet-Unterschied
Claude Monet und Édouard Manet unterscheiden sich in ihrem Nachnamen lediglich durch einen Vokal – da kann es schon mal zu Verwechslungen kommen. Künstlerisch hingegen wiesen die beiden Maler aber relativ wenig Gemeinsamkeiten auf. Ihre Bildthemen, ihre Stilmittel, ihre Farbwahl sowie die Orte, an denen sie malten, waren zum Teil sehr verschieden.
Unterschiedliche Schwerpunkte in den Bildthemen
Édouard Manet und Claude Monet hatten sehr unterschiedliche Schwerpunkte bei der Wahl ihrer Bildinhalte. Manet bildete in seinen Werken meist das zeitgenössische Leben ab. Dabei interessierten ihn vor allem die Menschen und ihr Alltag:
- Manet konzentrierte sich nicht auf prominente Persönlichkeiten, sondern schuf bildnerische Studien von ganz gewöhnlichen Menschen. Dazu gehörten u.a. Bardamen, Musiker, Schauspieler, Kinder, Arbeiter oder Tänzer.
- Häufig porträtierte er einzelne Personen, er stellte aber auch Gesellschaften oder Szenen in Cafés dar.
- Manet erlaubte zudem Blicke in die Privatsphäre der Menschen und fing sehr intime Augenblicke ein, unter anderem bei seinen zahlreichen weiblichen Akten.
- Neben den Menschen seiner Zeit malte Manet aber auch Landschaften, Seestücke, Städteansichten und Architektur. Auch einige Stillleben von Blumen oder Früchten gehören zu seinem Werk.
Claude Monet hingegen suchte sich seine Motive vor allem in der freien Natur:
- Er malte vorwiegend Landschaften, Seestücke, Gärten sowie die Welt der Bäume und Blumen. Zu seinen berühmtesten Motiven gehören die Blicke in seinen Garten in Giverny sowie seine Serie von Seerosen.
- Neben Landschaften malte er auch Städte- und Architekturansichten, zum Beispiel den Hafen von Le Havre ("Impression, Soleil levant"), das Inselkloster San Giorgio Maggiore ("Saint-Georges majeur au crépuscule") oder Pariser Straßenszenen ("Boulevard des Capucines").
- Auffällig in Monets gesamten Werk ist, dass er oftmals unscheinbare und vermeintlich unspektakuläre Szenen und Objekte in den Mittelpunkt seiner Bilder stellte. Dazu gehören zum Beispiel Heuhaufen, einzelne Bäume oder kleine Brücken.
- Im Gegensatz zu Manet spielen beim Großteil von Monets Gemälden Personen nur eine untergeordnete Rolle. Häufig malte er Menschen nur sehr klein und als Staffage, die eine Landschaft ergänzte. Die Ausnahmen bilden einige wenige Porträts, die er u.a. von Familienangehörigen und sich selbst anfertigte.
Monet und Manet verfolgten verschiedene Konzepte der Malerei
Neben der Motivwahl unterschieden sich Monet und Manet vor allem in ihrem malerischen Konzept. Claude Monet wollte mit seinen Gemälden nicht der Realität, sondern dem subjektiven Eindruck des Moments möglichst nahe kommen:
- Monet malte die Bildgegenstände nicht mehr nur um ihrer selbst Willen. Vielmehr betrachtete er sie auch als Reflexionsflächen, die ihm halfen, die Atmosphäre und dabei insbesondere das Licht wiederzugeben.
- Monet vertrat die These, dass für die Impression eines Augenblicks nicht jede Einzelheit gemalt werden müsse. Er verzichtete weitestgehend auf klar definierte Konturen sowie auf die meisten Details der Objekte. Viele Feinheiten ließ er in Farbverläufen und breiten Pinselstrichen aufgehen und schuf damit bewusst einen etwas verschwommenen Bildeindruck. Diese Malweise erlaubte es ihm, sich vollständig auf das Spiel von Licht und Farben zu konzentrieren.
- Besonders konsequent setzte Monet sein Konzept in seinen Serien von Bildern mit immer gleichen Motiven um. So malte er zum Beispiel die japanische Brücke in seinem Garten oder die Seerosen mehrmals, aber jeweils zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten. Dabei passte er meist nur die Lichtverhältnisse an.
Édouard Manet hingegen war noch deutlicher dem Realismus verpflichtet:
- Manet malte die Personen weitestgehend mit klaren Gesichtszügen und definierten Körperkonturen. Auch bei den meisten anderen relevanten Bildgegenständen orientierte er sich an den realen Details und Proportionen.
- Von der detaillierten und präzisen Malweise rückte er nur zum Teil ab. Lediglich bei größeren Flächen wie Bäumen, Sträuchern, Gewässern, dem Himmel oder auch bei der Oberfläche von Kleidungsstücken arbeitete er mit kurzen Pinselstrichen und Farbtupfern.
- Außerdem setzte Manet in seinen Bildern häufig deutliche Kontraste zwischen hellen und sehr dunklen Passagen ein, um bestimmte Motive hervorzuheben.
Beide Maler verwendeten die Farbe Schwarz sehr unterschiedlich
Der Unterschied zwischen Manet und Monet zeigte sich auch bei der Wahl der Farben. Während Manet vorwiegend mit einer gedeckten Farbpalette arbeitete, verwendete Monet bunte und leuchtende Farben. Ein sehr unterschiedliches Gewicht hatte aber vor allem das Schwarz im Werk beider Maler. Bei Manet gehörte es zu den wichtigen Elementen der Bildgestaltung. Er malte damit die Konturen seiner Motive, setzte es aber auch großflächig für einzelne Bildgegenstände wie Kleidung oder Bildhintergründe ein. Meist verwendete er es auch, um kräftige Hell-Dunkel-Kontraste in seinen Bildern herzustellen.
Claude Monet hingegen hatte das Schwarz fast vollständig aus seiner Farbpalette verbannt. Für dunkle Passagen in seinen Gemälden verwendete er vorwiegend Blau, Grün, Braun oder Violett. Schwarz setzte er bestenfalls für kleinere Punkte und Striche ein. Es sollte aber niemals ein Bild dominieren.
Monet und Manet bevorzugten verschiedene Orte beim Malen
Ein weiterer, aber nicht unwesentlicher Unterschied zwischen Monet und Manet bestand in ihrer Arbeitsweise. Claude Monet wollte die Atmosphäre des Augenblicks möglichst unverfälscht in seinen Gemälden einfangen. Dafür arbeitete er in der freien Natur, wo er seine Eindrücke unmittelbar auf die Leinwand übertragen konnte. Diese spontane "Pleinair-Malerei" sollte ein wesentliches Merkmal der Impressionisten werden.
Édouard Manet hingegen hatte die Arbeit an seinen Werken weitestgehend im Atelier verrichtet. Auf Streifzügen durch Paris sammelte er die Ideen für seine Gemälde. Hin und wieder fertigte er dabei auch Skizzen an. Der eigentliche Malprozess erfolgte dann aber im Atelier, wo er seine Eindrücke an der Leinwand ausarbeitete. Erst ab den 1870er-Jahren folgte auch er dem Vorbild der Impressionisten und begann seine Staffelei unter freiem Himmel aufzubauen.
Monet vs Manet – Wie aus anfänglichem Argwohn Freundschaft wurde
Claude Monet und Édouard Manet werden heute zu den wichtigsten Malern des 19. Jahrhunderts gezählt. Beide Künstler waren auch miteinander befreundet, hatten aber zunächst einen etwas holprigen Start.
Erstmals Notiz sollen beide 1865 im Rahmen des Pariser Salons voneinander genommen haben. Beide Maler waren mit ihren Werken hier vertreten. Da die Bilder in alphabetischer Reihenfolge platziert wurden, hingen Monet und Manet direkt nebeneinander. Aufgrund der sehr ähnlichen Schreibweise soll es zu Verwechslungen der Werke gekommen sein. Fälschlicherweise wurden wohl Arbeiten von Monet für die Manets gehalten. Dies wiederum stieß dem älteren Künstler sauer auf. Er soll sich darüber echauffiert haben, dass ein ihm unbekannter Maler offenbar seine Prominenz ausnützen wolle.
Aus diesem anfänglichen Missverständnis sollte sich aber in den folgenden Jahren eine enge Freundschaft und künstlerische Kollegialität entwickeln. Beide respektierten das Talent des anderen. Sie inspirierten sich gegenseitig und arbeiteten auch 1874 in Argenteuil zusammen. Édouard Manet soll Monet sogar als "Raffael des Wassers" bezeichnet haben. Außerdem soll Manet durch Claude Monet zur Freilichtmalerei gefunden haben. Schließlich ist überliefert, dass Manet seinen Freund auch finanziell unterstützte.
Von der gegenseitigen Wertschätzung zeugen verschiedene Gemälde, zum Beispiel "Die Barke" aus dem Jahr 1883. Édouard Manet malte hier Claude Monet wie dieser seinerseits auf einem kleinen Boot, das ihm als Freiluft-Atelier diente, eine Dame porträtierte. In einem weiteren Gemälde aus dem gleichen Jahr erlaubte Monet Manet einen sehr privaten Einblick. In "Die Familie Monet in ihrem Garten" von 1874 zeigte Manet das Familienleben des Ehepaars Monet mit ihrem Sohn. Besonders dieses Gemälde zeugt von der Vertrautheit, die zwischen Monet und Manet herrschte.
Fazit: Monet und Manet – nicht zum Verwechseln ähnlich
Auch wenn beide Maler aus Frankreich kamen und ihre Namen recht ähnlich klingen – aus künstlerischer Sicht waren sie beide höchst eigenständig. Monet stellte in seinen Landschaftsgemälden die Wirkung des Lichts in den Mittelpunkt. Manet hingegen porträtierte vor allem Menschen in ihrem Alltag in einer sehr realistischen Weise.
Was die beiden Künstler aber vereinte, war ihr Wille, neue Wege in der Bildgestaltung einzuschlagen. Damit machten sie sich maßgeblich um die Modernisierung der Malerei in Europa verdient. Von ihrem Pioniergeist ließen sich in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Künstlerinnen und Künstler inspirieren. Die Frage, welcher von beiden bedeutender ist, lässt sich nur schwer beantworten. Heute mag Claude Monet der prominentere Künstler sein, doch auch der etwas weniger bekannte Manet leistete einen wichtigen Beitrag zum Impressionismus. Letztlich profitierte die Kunstgeschichte davon, dass beide Maler so verschieden waren und mit ihren individuellen Konzepten die Malerei hinterfragten und weiterentwickelten.