Jeder sollte sie kennen: Van Goghs fünf berühmteste Bilder
Vincent van Gogh (1853–1890) zählt zu den faszinierendsten Persönlichkeiten der Kunstgeschichte. Zahlreiche Meilensteine der Malerei stammen aus der Hand des niederländischen Künstlers, wie etwa seine Sternennacht-Bilder, seine Sonnenblumen oder die atmosphärischen Landschaftsgemälde von der Provence.
Wegen seiner revolutionären Art zu malen und seines künstlerischen Pioniergeistes gilt er heute als einer der bedeutendsten Künstler aller Zeiten. Er widersetzte sich der Tradition, dass die Malerei die Welt naturgetreu abzubilden habe, und entwickelte einen sehr individuellen Stil mit Einflüssen von Impressionismus und Pointillismus.
Wegen seiner ausdrucksstarken und emotionalen Malweise wird van Gogh in der Kunstgeschichte auch als Wegbereiter des Expressionismus betrachtet.
Mehr Schatten als Licht im Privatleben
Aber wie so oft lagen auch bei van Gogh künstlerisches Genie und Tragik nah beieinander. Weit über die Kunstwelt hinaus bekannt ist der legendäre Vorfall von van Goghs Ohr. Aus bis heute ungeklärten Umständen hatte sich der Maler am 23. Dezember 1888 das linke Ohr verstümmelt.
Doch van Gogh hatte in seinem Leben noch viele weitere Rückschläge zu verkraften. So war er, bevor er sich der Malerei zugewandt hatte, mit dem Vorhaben gescheitert, Prediger zu werden. Auch als Künstler blieb er zu Lebzeiten weitgehend erfolglos. Er konnte kaum Werke verkaufen und war regelmäßig auf die finanzielle Unterstützung seines Bruders Theo angewiesen. Darüber hinaus litt er an psychischen Problemen und Alkoholsucht und begab sich mehrmals in therapeutische Behandlung. Vermutlich wegen dieser Leiden beging er auch im Jahr 1890 Selbstmord.
Trotz seines mitunter schweren Schicksals ist van Gogh nicht als ein Maler bekannt, der seine persönlichen Erfahrungen unmittelbar in seine Gemälde einfließen ließ. Dennoch stehen viele berühmte Bilder von Vincent van Gogh mit verschiedenen wichtigen Stationen in seinem Leben im Zusammenhang.
Van Goghs berühmtes Werk "Sternennacht"
Zu Vincent van Goghs berühmtesten Bildern gehört ohne Zweifel die "Sternennacht". Im Mittelpunkt des Gemäldes steht ein tiefblauer Nachthimmel mit Wolken, funkelnden Sternen und einem strahlenden Mond. Das untere Drittel des Gemäldes zeigt eine große Zypresse, einen Gebirgszug sowie einige Häuser und den Kirchturm einer kleinen Ortschaft.
Leicht könnte man das Gemälde für eine Impression der realen Landschaft rund um Saint-Rémy-de-Provence halten. Doch Vincent van Gogh vermischte hier Erinnerung, Fantasie und Realität. Die abgebildete Szene entspricht nicht dem tatsächlichen Blick vom Klinikgebäude aus auf die Umgebung. Van Gogh ordnete die Gebäude des Ortes anders an und improvisierte auch bei der Kirche. Die hügelige Landschaft hingegen entspricht wieder der Realität, ebenso der Nachthimmel. Astronomen halten es durchaus für plausibel, dass die Konstellation des Mondes und einiger Sterne Mitte des Jahres 1889 in etwa so ausgesehen haben könnte.
Von Vincent van Gogh selbst sind keine Äußerungen dazu überliefert, was er mit diesem Gemälde ausdrücken wollte. Es kursieren aber verschiedene Theorien zu der Bedeutung des Bildes:
- Beispielsweise wird der dynamische Himmel als ein Symbol für seinen aufgewühlten Seelenzustand interpretiert.
- Auch die düstere Atmosphäre des gesamten Gemäldes wird als Hinweis auf seine depressive Stimmung gedeutet.
Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass er dieses Werk selbst nicht für sonderlich relevant gehalten hatte. Tatsächlich soll er es als eine Vorstudie bzw. Skizze betrachtet haben. Heute hingegen gehört dieses berühmte Gemälde van Goghs zu den wohl am häufigsten reproduzierten Motiven aller Zeiten. Das Original gehört seit 1941 zur Sammlung des Museum of Modern Art in New York.
"Fünfzehn Sonnenblumen"
Vincent van Gogh verstand sich nicht nur auf eine besonders atmosphärische Landschaftsmalerei, sondern beherrschte auch das klassische Genre des Stilllebens. Gleich mehrere berühmte Bilder von Vincent van Gogh haben Sonnenblumen zum Thema. Ab August 1888 schuf er im südfranzösischen Arles vier Gemälde mit den Titeln:
- "Drei Sonnenblumen",
- "Fünf Sonnenblumen",
- "Zwölf Sonnenblumen in einer Vase" und
- "Fünfzehn Sonnenblumen".
Ebenfalls zu der Serie werden heute drei weitere Gemälde gezählt, in denen er einmal das Motiv der "Zwölf Sonnenblumen" und zweimal der "Fünfzehn Sonnenblumen" noch einmal aufgriff. Vor allem das Bild mit den fünfzehn Blumen zählt heute zu den berühmtesten Bildern van Goghs. Seine Entstehung und seine Bedeutung sind aber am ehesten im Kontext mit allen anderen Bildern der Serie zu verstehen.
Die Gemälde aus dieser Serie gehören heute zu van Goghs bekanntesten Bildern. Alle Werke dieser Reihe hatte er rasch und in einem Zug gemalt, denn er befürchtete, dass die Blumen schnell verwelken könnten. Dafür wendete er die traditionelle Technik der Primamalerei an.
Sein malerisches Vorgehen:
- Zunächst definierte er die Konturen der Blüten, der Blätter, der Stängel sowie der Vase.
- Anschließend arbeitete er die Blumen aus. Dabei malte er sowohl mit langen und breiten Pinselstrichen als auch mit einem punktförmigen Farbauftrag.
- Die Ölfarben brachte er zum Teil in dicken Schichten auf die Leinwand auf.
Eine weitere Besonderheit des Sonnenblumen-Gemäldes: Van Gogh verwendete im Wesentlichen nur eine Grundfarbe. Die Blumen, die Vase und den Bildhintergrund – also fast das gesamte Motiv – kolorierte er in verschiedenen Gelbtönen. Obwohl er im Grunde also nur Gelb verwendete, gelang es ihm, scharfe Kontraste zu schaffen und die Sonnenblumen zum Leuchten zu bringen.
Zu "Fünfzehn Sonnenblumen" und den anderen Bildern der Serie gibt es in der kunsthistorischen Forschung zahlreiche Erkenntnisse. So wurde die Entstehungsgeschichte der Gemälde in einem anderen Kunstwerk dokumentiert: Paul Gauguin, für den van Gogh die Bilder ursprünglich anfertigte, würdigte diese freundschaftliche Geste mit einem eigenen Werk.
Außerdem brachte eine Röntgenuntersuchung des Van-Gogh-Museums in Amsterdam zutage, dass einige Ölfarben, die van Gogh verwendete, einem chemischen Verwandlungsprozess infolge von Lichteinstrahlung unterliegen. Dieser führe dazu, dass die Farben fortwährend nachdunkelten. Es muss als davon ausgegangen werden, dass die Sonnenblumen-Bilder ursprünglich viel heller waren.
"Café-Terrasse am Abend in Arles"
Der kleine Ort Arles im Süden Frankreichs war ursprünglich nur als Zwischenhalt geplant, doch er sollte in Vincent van Goghs Biografie noch eine bedeutende Rolle spielen. Im Februar 1888 hatte van Gogh Paris aus mehreren Gründen verlassen. Er wollte der lauten und hektischen Großstadt entfliehen. Im Süden Frankreichs erhoffte er sich Ruhe sowie neue künstlerische Impulse durch das Licht und die Landschaft. Außerdem hatte er Pläne, mit anderen Künstlern ein "Atelier des Südens" aufzubauen.
Als ursprüngliches Ziel dafür hatte sich van Gogh Marseille ausgewählt, doch so weit sollte er es nicht schaffen. Stattdessen ließ er sich bereits in Arles nieder und blieb über ein Jahr dort. Während seiner Zeit in Arles hatte van Gogh eine besonders produktive Schaffensphase. In der kleinen Stadt und in der Region nahe dem Mittelmeer malte er etwa 180 Gemälde.
Bei der "Café-Terrasse" fällt besonders die Art und Weise auf, wie Vincent van Gogh die Nacht interpretierte. Er sah in der Dunkelheit ein buntes Farbenspiel. Daher hatte er sich bei diesem Gemälde zum Ziel gesetzt, den Nachthimmel grundlegend anders darzustellen, als es sonst in der Malerei üblich war. Er wollte den nächtlichen Himmel nicht schwarz und farblos zeigen, sondern malte ihn mit verschiedenen dunklen Blautönen. Für die Sterne verwendete er sogar Gelb, Rosa und Hellblau. Diese Art der Darstellung des Nachthimmels griff er in anderen Werken wieder auf, zum Beispiel in der "Sternennacht" oder der "Sternennacht über der Rhone" – einige weitere sehr bekannte Bilder von Vincent van Gogh.
Das Café befindet sich allerdings nicht an dem Standort, an dem van Gogh das Gemälde schuf. Da der ursprüngliche Straßenzug im Zweiten Weltkrieg Bombenangriffen zum Opfer fiel, zog das Bistro am Place de Forum ein. Das "Van Gogh Cafè" gehörte seit seiner Eröffnung zu den beliebten Sehenswürdigkeiten in Arles. Im Juni 2023 musste das Café allerdings schließen, da ein Verfahren gegen die Betreiber eingeleitet wurde.
"Schlafzimmer in Arles"
Viele berühmte Bilder von Vincent van Gogh zeigen atmosphärische Landschaften oder Stillleben. Da erscheint sein Gemälde "Schlafzimmer in Arles", das einen schlichten Raum ohne Personen zeigt, als ein eher ungewöhnliches Motiv. Das Gemälde bietet einen Blick in sein Zimmer in seinem Haus in Arles am Place Lamartine 2, das er kurz zuvor gekauft hatte. Die Einrichtung ist sehr einfach gehalten. Im Raum stehen ein Bett, ein Tisch und zwei Stühle.
Vincent van Gogh fertigte insgesamt drei Versionen dieses Motivs an. Er malte die Bilder aber nicht als Serie. Die erste Version entstand im Oktober 1888 vor Ort in dem Haus. Die beiden nachfolgenden Bilder stellte er gut ein Jahr später fertig, als er sich im Sanatorium in Saint-Rémy-de-Provence aufhielt.
Die drei Fassungen unterscheiden sich etwas in den Farben und Abmessungen der Bildgegenstände. Die wesentliche Variation, die van Gogh einfügte, aber sind die Bilder an den Wänden. In der ersten Version hängen hier ein Landschaftsgemälde sowie Porträts, vermutlich von Eugéne Boch und Paul-Eugène Milliet, in den anderen beiden ein Selbstporträt sowie das Bild einer unbekannten Frau.
So spartanisch der Raum eingerichtet ist, so klar und direkt ist hier auch van Goghs Bildsprache:
- Bei fast allen Bildgegenständen definierte er die Konturen mit schwarzen Linien.
- Die Flächen füllte er weitestgehend monochrom mit kräftigen Farbtönen auf.
- Sehr besonders ist hier sein Umgang mit der räumlichen Perspektive und den Größenverhältnissen: Das gesamte Zimmer scheint aus den Fugen geraten zu sein und wirkt beinahe surreal. Es gibt nur wenige gerade Linien und rechte Winkel.
- Die Bilder an der rechten Wand scheinen in den Raum zu kippen und das Fußende des Bettes wirkt unnatürlich groß.
Zu seiner Intention bei diesem Bild hatte sich van Gogh ausführlich geäußert. In einem Brief an seinen Bruder Theo schrieb er, das Gemälde solle der Ruhe und Entspannung dienen. Mit der vereinfachten Darstellung wolle er den Dingen einen größeren Ausdruck verleihen. Anstatt vieler Details solle hier die Farbe die meiste Bedeutung haben.
Allerdings hatte van Gogh die Farbkomposition vermutlich anders angelegt, als sie uns heute bekannt ist. Vor allem das Blau der Wände und der Türen, das den Bildeindruck maßgeblich prägt, war von ihm mutmaßlich gar nicht so geplant. Forscher des Art Institute of Chicago hatten 2016 bei einer Untersuchung herausgefunden, dass die heute blauen Farbpartikel auf der Rückseite Violett sind. Man geht davon aus, dass sich das Violett durch UV-Strahlung und LED-Licht über die Jahrzehnte in Blau verändert hat. Van Goghs "Schlafzimmer in Arles" war also ursprünglich nicht blau, sondern lila.
"Porträt des Dr. Gachet" (Erste Version)
Viele berühmte Bilder von Vincent van Gogh stammen aus seinen letzten beiden Lebensjahren. So auch das "Porträt des Dr. Gachet". Van Gogh fertigte es kurz vor seinem Suizid am 29. Juli 1890 an. Damit gilt es als eines seiner letzten Werke. Das Gemälde zeigt Dr. Paul-Ferdinand Gachet, der ihn mehrere Wochen lang behandelt hatte.
Im Mai 1890 hatte van Gogh das Sanatorium in Saint-Rémy-de-Provence verlassen, in dem er wegen seines schlechten psychischen Zustands über ein Jahr verbracht hatte. Da er sich in der Klinik nicht mehr wohl fühlte, reiste er nach Auvers sur Oise bei Paris. Hier traf er Dr. Paul-Ferdinand Gachet, der sowohl als ein kompetenter Psychiater als auch ein Kunstfreund galt.
Mehrere Wochen lang war van Gogh bei ihm in Behandlung. Dabei hatte er ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Arzt. Auf der einen Seite hegte er ein gewisses Misstrauen gegenüber Dr. Gachet, da er ihn für ebenfalls psychisch labil hielt. Auf der anderen Seite sah van Gogh in ihm nicht nur einen Psychiater, sondern auch einen Freund und eine Art Seelenverwandten. Damit lässt sich vielleicht auch der eher seltene Umstand erklären, dass ein Künstler seinen Arzt porträtierte.
In seinem Gemälde zeigt van Gogh den Arzt in einer fast erschöpften Körperhaltung mit einem melancholischen Gesichtsausdruck. In einem Brief schrieb er, er habe Dr. Gachet traurig, sanft, klar und intelligent darstellen wollen. Vielleicht geht die Bedeutung dieses Gemäldes aber noch weit darüber hinaus. Wegen des leidenden Blicks wird es häufig nicht als Porträt des Arztes, sondern als Selbstporträt van Goghs interpretiert.
Das Bildnis des Dr. Gachet gehört heute zu van Goghs berühmtesten Bildern. Neben der ersten Version fertigte van Gogh noch ein weiteres Ölgemälde sowie eine Druckgrafik mit diesem Motiv an. Die zweite Version ist heute im Pariser Musée d’Orsay ausgestellt, die Druckgrafik gehört zur Sammlung des Van Gogh Museums Amsterdam. Die erste Version hingegen, die als die bekannteste und berühmteste gilt, wechselte vermutlich 13 Mal den Besitzer. Nachdem es zuletzt 1990 für 82,5 Millionen Dollar versteigert worden war, galt es viele Jahre lang als das teuerste Gemälde. Nach der Auktion verschwand es allerdings aus der Öffentlichkeit – und auch sein Aufbewahrungsort ist derzeit unklar.