Das Gemälde "Die Nachtwache": Bildanalyse und Symbolik von Rembrandts Meisterwerk
Sein Name ist zum Inbegriff der holländischen Barockmalerei schlechthin geworden: Rembrandt von Rijn (1606-1669). Mit dem Gemälde "Die Nachtwache" hatte er sein Meisterstück geschaffen. Das Gemälde aus dem Jahr 1642 zeigt eine Versammlung der Amsterdamer Schützengilde. In mehrfacher Hinsicht gilt es als Meilenstein der Malerei des Barock.
So interpretierte Rembrandt hier das traditionsreiche Genre des Gruppenporträts grundsätzlich neu. Außerdem bewies er seine meisterliche Fähigkeit im Umgang mit Hell-Dunkel-Kontrasten ("Chiaroscuro"). Zudem beeindruckt "Die Nachtwache" von Rembrandt durch ihre schieren Ausmaße. Das Gemälde misst 3,63 Meter mal 4,37 Meter und wiegt etwa 170 Kilogramm.
Rembrandts Gruppenbildnis der Schützengilde gehört heute zur Sammlung des Rijksmuseum in Amsterdam. Nach fast 400 Jahren ist das Bild noch in einem überraschend guten Zustand. Allerdings wurde es mehrfach beschädigt. So wurden an allen vier Seiten breite Randstreifen abgeschnitten, außerdem gab es mehrere Versuche, es zu zerstören.
2019 wurde ein kunsthistorisches Forschungsprojekt im Rijksmuseum ins Leben gerufen, das sowohl eine umfangreiche Analyse als auch die Restaurierung des Werks zur Aufgabe hat. Das Gemälde "Die Nachtwache" kann also auf eine bewegte Historie zurückblicken. Grund genug, einige Aspekte seiner Geschichte näher zu betrachten.
Rembrandt van Rijn - Galionsfigur der Malerei des niederländischen Barocks
Die Niederlande waren im 17. Jahrhundert eines der wichtigen Zentren der Barockmalerei. Zu den bedeutendsten Vertretern jener Epoche gehörte der aus Leiden stammende Rembrandt Harmeszoon van Rijn. Doch seine Karriere hatte neben vielen Höhen auch einige Tiefen.
Rembrandt hatte von ca. 1620 bis 1625 eine Ausbildung zum Maler absolviert und machte sich unmittelbar danach selbstständig. Schon bald konnte er seine ersten Werke verkaufen. Sein Ruf, ein exzellenter Maler zu sein, reichte bald bis ins europäische Ausland.
Zu seinen bevorzugten Motiven gehörten vor allem Porträts. Er fertigte zahlreiche Auftragsarbeiten von wohlhabenden Bürgern an, schuf aber auch immer wieder Selbstbildnisse.
Neben den Porträts malte er auch zahlreiche Historienszenen, Stillleben und Landschaften. Vor allem mit seiner sehr lebendigen, stimmungsvollen und naturgetreuen Malweise hatte er sich unter seinen Zeitgenossen einen Namen gemacht.
Neben seiner Tätigkeit als Maler galt er als ein begeisterter Sammler. So legte er sich eine große Sammlung mit Kunstobjekten wie Gemälden, Kupferstichen und Holzschnitten sowie Alltagsgegenständen wie Münzen, Waffen und Musikinstrumenten zu. Außerdem betätigte er sich als Mal-Lehrer und soll etwa 20 Schüler gehabt haben.
Trotz seiner Lehrtätigkeit und einer guten Auftragslage geriet Rembrandt ab ca. 1650 in finanzielle Schieflage. Er konnte seine Schulden nicht mehr begleichen und musste sogar sein Haus verkaufen. Als er 1669 verstarb, war er völlig verarmt.
Rembrandt hinterließ ein umfangreiches Gesamtwerk, das nach Schätzungen etwa 250 Gemälde, ca. 300 Radierungen sowie rund 1000 Zeichnungen umfasst. Viele seiner Werke gelten heute als Meilensteine der Barockmalerei und sind bei Ausstellungen sehr beliebte Exponate.
Das Gemälde "Die Nachtwache" würdigt die Amsterdamer Schützengilde
Rembrandts Qualitäten als Porträtmaler waren um das Jahr 1640 sehr gefragt. In dieser Phase erhielt er auch den Auftrag für sein heute berühmtestes Werk. Die Amsterdamer Büchsenschützengilde wollte den Festsaal ihres Hauptquartiers mit einem großen und repräsentativen Gemälde schmücken. Es sollte die Dienste jener Männer würdigen, die in der freiwilligen Bürgerwehr die Ordnung in der Stadt aufrecht hielten.
Da es sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes um ein Ehrenamt handelte, war es eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die Kompanie der Schützen in einem Gemälde darzustellen. Rembrandt nahm den Auftrag an und stellte das monumentale Werk 1642 fertig.
Der heute bekannte Titel "Die Nachtwache" (niederländisch "De Nachtwacht") soll erstmals Ende des 18. Jahrhunderts verwendet worden sein. Er leitet sich offenbar vom vermeintlichen Motiv ab, das das Bild zeigt: eine große Gruppe bewaffneter Männer in einem schummrigen Licht.
Allerdings wird heute davon ausgegangen, dass Rembrandt hier ursprünglich keine nächtliche Szene malen wollte. Der dunkle Eindruck sei nur entstanden, da das Gemälde stark verschmutzt gewesen sei. Außerdem handelt es sich bei dem gezeigten Geschehen vermutlich nicht um eine "Nachtwache" im eigentlichen Sinn. Zumindest wirken die Soldaten nicht unbedingt so, als würden sie gerade jemanden oder etwas vor einer unmittelbaren Gefahr beschützen. Dennoch konnte sich der Titel "Die Nachtwache" bis heute behaupten.
"Die Nachtwache" Bildbeschreibung: Schützen, ein Mädchen und ein Selbstbildnis
Heutzutage würde man "Die Nachtwache" von Rembrandt vermutlich als Wimmelbild bezeichnen, denn sie stellt eine sehr dynamische Szene mit vielen verschiedenen Protagonisten dar.
Die Wächter
Die Mitglieder der Kompanie zeigen sich zum Teil in edlen Gewändern und tragen Waffen wie Spieße, Schwerter, Hellebarden und Gewehre. Eng beieinanderstehend sind sie mit verschiedenen Tätigkeiten beschäftigt. Einige laden ihre Musketen, andere scheinen sich zu unterhalten.
Neben den Auftraggebern sind im Bild mindestens 15 weitere Personen erkennbar. Rembrandt zeigt ihre Gesichter allerdings gar nicht oder unvollständig. Sie dienen lediglich als Staffage und füllen die Szenerie optisch auf.
Einige Personen hob Rembrandt mit malerischen Mitteln wie der Lichtführung und leuchtenden Farben besonders aus der Gruppe hervor:
- Ganz klar im Mittelpunkt steht der Hauptmann der Truppe Frans Banninck Cocq. Sein schneeweißer Ringkragen und seine rote Schärpe strahlen auffallend auf seinem schwarzen Anzug. Ein Offiziersstock unterstreicht seine führende Rolle.
- Rechts neben ihm steht sein Leutnant Willem van Ruytenburgh. Dieser fällt in seinem gelben Anzug mit weißer Schärpe neben dem dunkel gekleideten Hauptmann besonders ins Auge.
- Ebenfalls sehr auffällig ist ein rot gekleideter Soldat, der seine Waffe lädt. Hierbei soll es sich um den Musketier Jan Aertsz van der Heede handeln.
Die (un)bekannte weibliche Figur
Von besonderem Interesse fast jeder Nachtwache Bildanalyse aber ist eine kleine weibliche Person unter der Schar der Soldaten. Rembrandt hob sie in ihrem hellen Kleid prominent hervor. An ihrem Gürtel trägt sie sowohl ein totes Huhn als auch eine Pistole. Diese Gegenstände werden üblicherweise als Symbole für die Schützengilde interpretiert.
Über die Identität der Figur hingegen gibt es verschiedene Spekulationen. Ihre Körpergröße lässt auf ein Mädchen schließen, die Gesichtszüge hingegen erinnern eher an die einer erwachsenen Frau.
Um wen es sich bei dieser Figur tatsächlich handelt, ist aber nicht gesichert überliefert. Deutlich sicherer sind sich Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker hingegen bei einer Person mit einem Barett rechts neben dem Fahnenträger, deren Gesicht nur zum Teil zu erkennen ist. Man geht davon aus, dass Rembrandt sich hier selbst in der Gruppe der Schützen verewigte. Dafür spricht, dass er für seine zahlreichen Selbstbildnisse bekannt war. Außerdem war es zu dieser Zeit durchaus unüblich, dass Kunstschaffende ihr eigenes Konterfei in ihre Werke integrierten.
Rembrandt brach gleich mehrfach mit der Tradition des Gruppenporträts
"Die Nachtwache" von Rembrandt unterscheidet sich erkennbar von vielen Gruppenporträts der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. In dieser Zeit galten klare Regeln für die Darstellung von Personengruppen:
- Üblicherweise komponierten die Kunstschaffenden die Gruppenporträts nicht als eigenständige Motive. Vielmehr basierten sie auf Einzelporträts, die gleichberechtigt nebeneinander aufgereiht wurden.
- Besonders ausgearbeitete Hintergründe oder eine erkennbare Handlung waren für diese Art von Gemälden nicht vorgesehen. In erster Linie sollten die Charaktere gut erkennbar sein und nichts sollte von ihnen ablenken.
Allerdings fehlte es diesen Gemälden an jedweder Atmosphäre. Rembrandt hingegen entschied sich mit seiner Nachtwache für eine geradezu revolutionäre Interpretation dieses Genres. Er verwandelte sein Gruppenporträt in eine beinahe theatralische Szene, die voller Leben und Bewegung steckt:
- Als Erstes löste er die standardisierte Aufreihung der Figuren auf und inszenierte stattdessen eine lebendige Handlung, in der jeder Charakter bei einer individuellen Tätigkeit zu sehen ist.
- Außerdem gestand Rembrandt jedem der Porträtierten eine eigene Kleidung sowie weitere Gegenstände wie Waffen, eine Fahne oder eine Trommel zu.
- Ungewöhnlich für ein Gruppenporträt ist auch, dass er verschiedene weitere Figuren wie das geheimnisvolle Mädchen sowie einen bellenden Hund hinzufügte.
- Zusätzlich reicherte er den Bildhintergrund mit einer Vielzahl an namentlich nicht bekannten Statisten an.
Alle diese Elemente sorgen dafür, dass die Szene sehr dynamisch wirkt und die Betrachtenden in die Situation eintauchen können.
"Die Nachtwache" Interpretation - die Symbolik hinter Rembrandts Meisterwerk
Mit seinem Gemälde "Die Nachtwache" würdigte Rembrandt die Mitglieder der Amsterdamer Schützengilde. Mit verschiedenen Mitteln sorgte er dafür, dass die Bürgerwehr aktiv, heroisch und entschlossen wirkt. Viele der Männer im Bild halten Waffen in den Händen und scheinen nur auf ihren Einsatz zu warten.
Die vielen Speere im Bildhintergrund erwecken zudem den Eindruck, dass die Schützengilde noch über weit mehr Soldaten verfügt. Diese Kompanie zeigt offenkundig die Bereitschaft, die Stadt vor Unheil sowohl von innen als auch von außen zu beschützen. Damit vermittelt das Gemälde den Betrachtenden ein Gefühl von Sicherheit.
"Die Nachtwache" von Rembrandt erzählt außerdem vom hohen gesellschaftlichen Ansehen, das die Bürgerwehr genoss. Die zum Teil sehr edle Kleidung der Soldaten lässt sie sehr kultiviert erscheinen. Sie wirken nicht wie schießwütige Legionäre. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass sie aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft stammen.
Geht man näher ins Detail, drängt sich aber der Eindruck auf, dass Rembrandt in diesem Gemälde kein reales Geschehen darstellen wollte. Vielmehr zielte er darauf ab, eine dramatische Atmosphäre zu schaffen und die Soldaten zu idealisieren. So erzeugte er durch die geschickte Ausleuchtung der Szene eine geradezu mystische Stimmung:
- Der Lichteinfall mit gezielten Spotlights erscheint etwas unwirklich, steigert aber das Pathos des Moments.
- Auch die zum Teil sehr aufwendige und elegante Kleidung der Soldaten wäre in realen Auseinandersetzungen vermutlich eher hinderlich gewesen.
- Höchst unwahrscheinlich dürfte es aus Sicherheitsgründen auch gewesen sein, dass so viele Männer auf engstem Raum mit ihren Musketen hantierten.
Insgesamt muss man hier also wohl eher von einer fiktiven Situation als von einem realen Ereignis ausgehen.
"Die Nachtwache" Bildanalyse zeigt, dass die gesamte Szene darauf ausgelegt ist, die Schützengilde in einem sehr positiven Licht zu zeigen. Die Bürgerwehr erscheint als eine Einheit, die auch in höchster Gefahr zusammenhält. Das macht "Die Nachtwache" von Rembrandt nicht nur zu einem Sinnbild für das bürgerliche Engagement im 17. Jahrhundert, sondern für den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Allgemeinen.
"Die Nachtwache" von Rembrandt wurde stark beschädigt und mehrfach restauriert
In den fast 400 Jahren nach seiner Fertigstellung musste "Die Nachtwache" von Rembrandt einiges aushalten. Doch nicht nur der normale Alterungsprozess setzte dem Gemälde zu, sondern auch mehrere mutwillige Beschädigungen:
Die erste und schwerwiegendste Veränderung am Gemälde wurde bereits 1715 vorgenommen. Das imposante Werk sollte im Amsterdamer Rathaus aufgehängt werden. Allerdings passte es mit seinen Originalmaßen von ca. 4 Metern Höhe und ca. 5 Metern Breite nicht an den vorgesehenen Platz. Kurzerhand schnitt man daher an allen vier Seiten etwas von der Leinwand ab. Die abgeschnittenen Streifen verschwanden anschließend spurlos.
Weitere Beschädigungen trug das Werk bei mehreren Anschlägen davon. 1911 und 1975 wurde bei Ausstellungen auf das Bild eingestochen, 1990 wurde es mit Schwefelsäure besprüht. Aufgrund der Schäden sowie der Folgen der Alterung musste das Gemälde mehrfach restauriert werden.
So gab es mehrere Versuche, es sowohl zu reinigen als auch die Farben aufzufrischen. Auch eine Doublierung wurde mindestens einmal durchgeführt. Dieses Verfahren sollte die Leinwand stabilisieren und Risse und Löcher schließen.
Vorläufiger Höhepunkt des Projekts war der Versuch, die 1715 entfernten Ränder des Gemäldes wieder herzustellen. Mithilfe einer handgemalten Kopie aus dem 17. Jahrhundert und Künstlicher Intelligenz wurden die fehlenden Teile rekonstruiert. Sie wurden um das Gemälde herum angebracht und das nun vollständige Werk für drei Monate im Rijksmuseum ausgestellt. Die "Operation Nachtwache" läuft derzeit immer noch weiter und verspricht viele weitere aufschlussreiche Fakten zu Werk und Künstler zutage zu bringen.
Die Geschichte der "Nachtwache" ist noch lange nicht auserzählt
Im Rijksmuseum ist "Die Nachtwache" der große Publikumsmagnet. Ihre ereignisreiche Historie sowie ihr kunsthistorischer Wert machen sie zu einem der faszinierendsten Werke der Kunstgeschichte. Auch wenn bereits viel zu diesem Gemälde bekannt ist, konnten einige Fragen bis heute nicht geklärt werden.
Rätselhaft bleibt zum Beispiel immer noch, welches Ereignis "Die Nachtwache" von Rembrandt tatsächlich zeigt und um wen es sich bei der weiblichen Figur mit dem Huhn handelt. Es bleibt also noch weiterhin viel Raum für Interpretationen und Spekulationen rund um Rembrandts bedeutendstes Werk.
Auch die Ergebnisse des Projekts "Operation Nachtwache" im Rijksmuseum könnten noch viele weitere interessante Erkenntnisse liefern. Wie in den vergangenen rund 400 Jahren wird die Nachtwache daher vermutlich auch noch viele kommende Generationen faszinieren.