Die Büste der Nofretete – legendäres ägyptisches Artefakt

Die Büste der Nofretete – legendäres ägyptisches Artefakt

Autor: ars mundi, Veröffentlichkeitsdatum: 05/2026, Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Sie zählt zu den größten Kunstschätzen der Welt: Die Büste der Nofretete. Auch nach über 3300 Jahren vermag das Bildnis der ägyptischen Königin immer noch das Publikum in seinen Bann zu ziehen.

Heute besitzt es eine Strahlkraft weit über die Archäologie hinaus. Die Schönheit der Nofretete, aber auch der Mythos um ihre Person sind legendär. Viele Menschen betrachten sie als Idol und Leitfigur. Wegen ihrer starken Position in ihrer Rolle als Herrscherin wurde sie schon als "erste Feministin der Geschichte" bezeichnet.

Der Einfluss der Nofretete reicht bis in die Popkultur der Neuzeit. Künstlerinnen und Künstler kopierten ihr Aussehen oder widmeten ihr Musikstücke. Das Original der Büste gehört heute zu den großen Sehenswürdigkeiten in Berlin. Hunderttausende besuchen dieses ägyptische Kunstwerk jedes Jahr im Neuen Museum.

Aber was macht die Faszination dieses Kunstwerks aus? Um der Bedeutung der Nofretete auf den Grund zu gehen, soll im Folgenden ihre Historie näher beleuchtet werden. Unter anderem werden die Umstände des Fundes der Büste, das Rätsel des fehlenden Auges und die Kontroverse um eine mögliche Rückgabe an Ägypten näher betrachtet.

Wer war Nofretete? Ihre Rolle als Königin und ihre legendäre Schönheit

Nofretete war eine Königin des Alten Ägypten und lebte im 14. Jahrhundert v. Chr. Sie und ihr Gemahl, der Pharao Echnaton, herrschten etwa 16 Jahre lang. Nofretete galt als eine starke und selbstbewusste Frau, die dem Pharao nahezu gleichgestellt war. Darüber hinaus wurde Nofretete immer auch wegen ihrer Schönheit bewundert.

Über die Lebensdaten der legendären ägyptischen Königin liegen keine vollständigen Informationen vor. Einige Angaben zu ihrer Biografie scheinen aber gesichert zu sein:

  • Es wird davon ausgegangen, dass Nofretete etwa Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. geboren wurde. Sie gehörte vermutlich einer großbürgerlichen ägyptischen Familie an, manche Quellen sprechen sogar von einer königlichen Abstammung. Im Alter zwischen 12 bis 16 Jahren heiratete sie Amenophis IV, den späteren Pharao Echnaton. Aus der Ehe sollen sechs Töchter hervorgegangen sein.
  • In ihrer Rolle als Gemahlin des Königs soll sie großen Einfluss auf Politik und Religion gehabt haben. Es heißt, sie sei ihrem Mann nahezu gleichberechtigt gewesen und habe ihn aktiv in seiner Regentschaft unterstützt. Die Vermutung, dass Nofretete fast eine ebenso große Machtstellung wie Echnaton gehabt habe, wird von zahlreichen Darstellungen auf Artefakten gestützt. So wurde sie auf Reliefs ebenso groß wie der Pharao dargestellt, was auf eine formale Gleichstellung zu ihrem Mann hindeutet. Außerdem wurden verschiedene Kunstwerke gefunden, bei denen sie gezeigt wird, wie sie in kriegerischen Auseinandersetzungen ihre Feinde besiegt.
  • Was nach Echnatons Tod mit Nofretete geschah, ist nicht abschließend geklärt. Es gibt aber Hinweise darauf, dass sie den Pharao überlebte und möglicherweise selbst einige Jahre alleine regierte. Wann und unter welchen Umständen sie gestorben ist, ist allerdings unklar.
  • Nofretete wird aber nicht nur wegen ihrer starken Persönlichkeit verehrt. Sie galt auch als eine sehr attraktive Frau. Darauf lässt bereits ihr Name schließen, der mit "Die Schöne ist gekommen" oder auch "Die Schöne, die da kommt" übersetzt wird. Das Bild, das wir heute von der Königin haben, basiert nicht zuletzt auf der Büste von Nofretete. Ihre Gesichtszüge sind in der Plastik nahezu symmetrisch wiedergegeben. Mit ihren hohen Wangenknochen, ihrer faltenfreien Haut, der schmalen Nase und den vollen Lippen entspricht sie einem zeitlosen, immer wiederkehrenden Schönheitsideal. Dass die Büste die Königin höchstwahrscheinlich in stark idealisierter Form zeigt, spielt dabei kaum eine Rolle.
  • Aber nicht nur die Büste der Nofretete, sondern auch verschiedene Überlieferungen tragen zum Mythos der "Schönen Königin" bei. So soll sie sich mehrere Stunden am Tag zum Baden, zur Körperpflege und zum Schminken genommen haben. Auch die Büste lässt Rückschlüsse darauf zu, wie viel Wert sie auf ihr Äußeres legte. Sie wird hier mit einem eleganten Make-Up mit roten Lippen, Kajal um die Augen und perfekt gezogenen Augenbrauen dargestellt.

Warum hat die Büste der Nofretete nur ein Auge?

Die Büste von Nofretete soll nie zwei Augen besessen haben. Die Skulptur habe in der Werkstatt des Bildhauers Thutmosis lediglich als Modell gedient und wurde deshalb nicht fertiggestellt. So lautet zumindest eine der gängigsten Theorien zu dem mysteriösen Markenzeichen der Nofretete – dem fehlenden linken Auge.

Eines der auffälligsten Merkmale der Büste ist der Unterschied zwischen dem rechten und dem linken Auge. Das rechte Auge besteht aus einem Bergkristall, der mit Bienenwachs befestigt wurde. Die linke Augenhöhle hingegen ist leer. Über den Grund hierfür existieren verschiedene Theorien. Der Archäologe Ludwig Borchardt, unter dessen Leitung die Büste 1912 gefunden wurde, war davon ausgegangen, dass nie ein linkes Auge vorgesehen war. In seinem Tagebuch schrieb er, dass bei den Ausgrabungen keine Einlage für das linke Auge gefunden wurde. Auch sei offenbar kein Bindemittel in der Augenhöhle verblieben, mit dem ein Auge befestigt gewesen sein könnte. Es wird daher im Allgemeinen davon ausgegangen, dass der Bildhauer Thutmosis die Büste absichtlich nicht vollendete. Sie soll als Anschauungsobjekt gedient haben, an dem der Herstellungsprozess demonstriert werden konnte. Vielleicht war sie aber auch als Vorlage für weitere Büsten gedacht.

Dieser Erklärungsansatz wurde bereits verschiedentlich infrage gestellt. So heißt es, die Büste von Nofretete könne ursprünglich anatomisch vollständig gewesen sein. Vermutlich sei das linke Auge schlicht irgendwann einmal herausgefallen. Auch ein gewaltsames Heraustrennen des Bergkristalls wird für möglich gehalten. Es kursieren auch Spekulationen, nach denen Nofretete in Ungnade gefallen sein soll und die Büste deshalb nicht fertiggestellt wurde.

Andere Theorien gehen sogar davon aus, dass die Büste die Königin so zeigt, wie sie wirklich aussah. Möglicherweise habe sie ein Augenleiden gehabt oder sogar nie ein linkes Auge besessen. Die Frage, warum Nofretete nur ein Auge hat, wird sich wohl nie abschließend klären lassen. Tatsache aber ist, dass das fehlende Auge bis heute bedeutend zum Mythos um die Königin Nofretete beiträgt.

Fundort, Alter und Material der Büste der Nofretete

Anfang des 20. Jahrhunderts stand die Regentschaft von Pharao Echnaton im Fokus vieler ägyptologischer Forschungen. Wissenschaftler aus der ganzen Welt interessierten sich sowohl für dessen monotheistische Religionsauffassung als auch für das Kunsthandwerk aus dieser Zeit. Auch in Deutschland gab es Bestrebungen, sich in diesem Forschungsfeld zu engagieren.

Ende des Jahres 1911 konnte schließlich unter der Leitung des deutschen Ägyptologen Ludwig Borchardt (1863 – 1938) eine große Ausgrabungskampagne beginnen. Diese wurde von dem Berliner Unternehmer und Mäzen James Simon finanziert und war von den ägyptischen Behörden offiziell genehmigt.

  • Der Fundort: Die Ausgrabungen von Borchardt und seinem Team konzentrierten sich auf die Fundstätte Tell el-Amarna in Mittelägypten. Echnaton hatte hier um 1350 v. Chr. unter dem Namen "Achet-Aton" seine neue Hauptstadt errichten lassen. 1912 stießen die Forscher in den Ruinen auf ein Gebäude, das sich bald als die Werkstatt des Bildhauers Thutmosis herausstellen sollte. Am 6. Dezember fanden sie hier neben vielen anderen Kunstwerken wie Bildnisköpfe des Königs und seiner Familie auch die Büste der Königin Nofretete.
  • Das Material: Die Büste der Nofretete wiegt rund 20 kg und ist ca. 50 cm hoch. Sie wurde allerdings nicht aus einem einzigen Werkstück geschaffen, sondern entstand in mehreren Arbeitsschritten. Dies belegen Untersuchungen des Kunstwerks mit einem Computertomografen. Demnach hatte der Bildhauer Thutmosis zunächst eine Grundform aus Kalkstein hergestellt. Auf diesem Rohling modellierte er anschließend mit Gips alle Feinheiten des Gesichts sowie die Krone der Königin. In einem letzten Schritt bemalte er die Büste mit bunten Farben. Hierfür verwendete er verschiedenen Materialien wie farbiges Glaspulver, Kohle oder Kalk. Nur für das rechte Auge wählte er keine Farbe, sondern setzte als Pupille einen geschliffenen Bergkristall ein, der mit Bienenwachs befestigt wurde.
  • Die Datierung: Heute wird davon ausgegangen, dass die Büste etwa 1340 v. Chr. geschaffen wurde. Als sie 1912 entdeckt wurde, war sie also vermutlich ca. 3250 Jahre alt. Eine verlässliche Angabe des Alters der Büste ist allerdings nicht möglich. Üblicherweise wird für die Untersuchung des Alters die C-14-Methode angewendet. Für diese Technik ist aber an der Skulptur zu wenig organisches Material vorhanden, das für dieses Verfahren notwendig ist.

Die Büste der Königin Nofretete – Meisterwerk der ägyptischen Kunst

Als der Ägyptologe Ludwig Borchardt auf die Büste der Nofretete gestoßen war, wusste er, dass er einen ganz besonderen Fund gemacht hatte. In seiner schriftlichen Dokumentation der Ausgrabungen bezeichnete er sie als das "lebensvollste ägyptische Kunstwerk". Das mehrfarbige Porträt sei "das feinste und durchgearbeitetste", das er kenne. In der Tat stellt die Büste ein außergewöhnliches Beispiel für die präzise Handwerkskunst des Alten Ägypten dar. Darüber hinaus besitzt diese lebensgroße Plastik sowohl aus archäologischer als auch ästhetischer Perspektive einen ganz besonderen Status.

Schon Borchardt verwies in seinen Aufzeichnungen auf den außergewöhnlichen Zustand des Artefakts. Sowohl die Stein- bzw. Gipsform als auch die Farben sind auffallend gut erhalten. Zwar weist die Plastik einige Beschädigungen auf, wie zum Beispiel kleine Abbrüche an den Ohren, Absplitterungen an der Schulter oder Kratzer im Gesicht. Insgesamt ist sie aber besser erhalten als viele andere, über 3000 Jahre alte Fundstücke.

Auf den perfekten Erhaltungszustand lässt es sich auch zurückführen, dass die Büste der Nofretete auch heute noch eine unvergleichliche Wirkung auf die Betrachtenden hat. Das feine Lächeln, die ebenmäßige Haut und die präzise ausgearbeiteten einzelnen Härchen der Augenbrauen lassen sie fast lebendig wirken. Mit ihrem stolzen Blick strahlt sie Eleganz, aber auch Stärke aus. Die große blaue Krone mit dem goldenen Stirnreif unterstreicht ihre Autorität und Würde. Mit diesen Merkmalen versetzt sie auch heute noch das Publikum ins Staunen.

Muss Nofretete an Ägypten zurückgegeben werden?

Das Original der Büste der Königin Nofretete gehört heute zur Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ist die unangefochtene Attraktion im Berliner Neuen Museum. Doch immer wieder werden Stimmen laut, die eine Rückgabe der Büste an Ägypten fordern. Eine solche Restitution wird aber derzeit weder von der ägyptischen Regierung noch von deutscher Seite offiziell angestrebt.

Zweifellos handelt es sich bei der Büste der Nofretete um ein bedeutendes Erbe der ägyptischen Kultur. Insofern erscheint eine Forderung nach einer Rückgabe an den nordafrikanischen Staat grundsätzlich als nicht unberechtigt. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sieht aber keinerlei Veranlassung, dieser nachzukommen, da ihrer Meinung nach sowohl bei der Ausgrabung wie auch der Aufteilung der Fundstücke und ihrer Ausfuhr alles legal abgelaufen sei.

Wie die Büste nach Berlin kam

Anfang des 20. Jahrhunderts war eine Beteiligung europäischer Länder an Ausgrabungen in Ägypten durchaus üblich. Die Europäer verfügten über die notwendigen finanziellen Mittel für die Ausgrabungen, die den Ägyptern zu dieser Zeit fehlten. Mit den ausländischen Archäologen wurde vereinbart, dass immer eine Hälfte der Funde in Ägypten verbleiben sollte. Bei der Aufteilung sollte auch die archäologische Bedeutung der Stücke berücksichtigt werden. Nach diesen Vorgaben soll es auch bei der von Ludwig Borchardt geleiteten Grabungskampagne von 1911 bis 1913 abgelaufen sein.

Es gibt aber auch Gerüchte, dass er die Büste fälschlicherweise als reine "Gipsarbeit" deklarierte. Dadurch wollte er das Interesse an ihr mindern, da Steinarbeiten als wesentlich wertvoller und wissenschaftlich interessanter galten. Dieser Schwindel soll es ermöglicht haben, dass die Büste in das Eigentum von James Simon, dem Finanzier der Grabungen, überging.

Im Jahr 1920 überließ dieser dann alle Tell-el-Armana-Funde dem Berliner Museum – darunter auch die Büste der Nofretete. Für die Deutschen besteht daher bis heute kein Zweifel daran, dass die Überführung der Büste nach Berlin rechtmäßig abgelaufen ist.

Die Kolonialherrschaft ließ keine freie Entscheidung Ägyptens zu

Dass der Vorgang damals so vonstatten gegangen ist, wird von den Befürwortern einer Restitution überwiegend nicht infrage gestellt. Die Forderungen nach einer Rückgabe werden vielmehr damit begründet, dass die gesamten politischen Verhältnisse, die zu dieser Zeit in Ägypten herrschten, eine faire Verteilung der Grabungsfunde nicht zuließen. So stand Ägypten damals unter britischer Herrschaft und die Altertümerverwaltung, die für die Aufteilung zuständig war, befand sich in französischer Hand. Auch das Gesetz, das die Kooperationen mit europäischen Grabungsmissionen regelte, war unter den Bedingungen des Kolonialismus zustande gekommen. Ein freier und selbständiger Staat hätte die Verhandlungen über die Fundstücke ohne Zweifel anders geführt.

Tatsächlich gab es bereits zwei Versuche, die Büste der Nofretete wieder nach Ägypten zu bringen. 1930 scheiterte es an dem Widerstand der deutschen Bevölkerung, 1933 unterband Adolf Hitler die Ausfuhr des bedeutenden Artefakts. Trotz aller Kritik finden derzeit keine konkreten Verhandlungen über eine Rückgabe statt. Archäologinnen und Archäologen warnen sogar davor. Die Steinplastik sei so fragil, dass sie einen Transport womöglich gar nicht überstehen würde.

Ausgewählte Werke zur Büste der Nofretete

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