Die Sixtinische Madonna von Raffael und ihre außergewöhnliche Geschichte

Die Sixtinische Madonna von Raffael und ihre außergewöhnliche Geschichte

Autor: ars mundi, Veröffentlichkeitsdatum: 05/2025, Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Es dürfte neben "Mona Lisa" und "Die Geburt der Venus" eines der berühmtesten Gemälde der Renaissance-Malerei sein: die Sixtinische Madonna von Raffael Santi (1483–1520). Das Werk aus dem Jahr 1513 zählt zu den Höhepunkten des Schaffens des italienischen Malers und Architekten. Das auch "Sixtina" genannte Gemälde gehört heute zur Sammlung Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister und ist das absolute Highlight jeder Ausstellung.

Doch nicht nur die gekonnte malerische Ausführung der Szene mit Maria und dem Jesuskind begeistert die Besucherinnen und Besucher. Auch die über 500-jährige Geschichte der Sixtinischen Madonna fasziniert das Publikum. Ihre höchst symbolträchtige Bildkomposition, die zwei Engel, die auf eigene Faust Karriere machten, mehrere Standortwechsel sowie der große Einfluss, den sie auf die Kunstgeschichte hatte, tragen bis heute zu ihrer Popularität und zu ihrem Mythos bei.

Raffael erhielt den Auftrag für die Sixtinische Madonna von Papst Julius II. persönlich

Raffael war bereits zu Lebzeiten ein berühmter und gefragter Künstler. Er zählte gemeinsam mit Leonardo da Vinci und Michelangelo Buonarroti zu den bedeutendsten Malern der Hochrenaissance. Vor allem mit Madonnenbildnissen hatte er sich einen Namen gemacht. Bereits als er noch in Florenz lebte, schuf er zahlreiche Marienbildnisse, zum Beispiel:

  • "Madonna mit Kind und Buch" (um 1503),
  • "Madonna Terranuova" (1505) oder
  • "Madonna Colonna" (um 1508).

Raffaels Interpretationen dieses in der Renaissance-Malerei sehr populären Motivs zeichneten sich durch ihre technische Perfektion, aber auch ihre Emotionalität aus.

Der päpstliche Auftrag und seine politische Bedeutung

Auch Papst Julius II. hörte von dem großen Talent Raffaels und berief ihn im Jahr 1508 nach Rom. Der Papst war ein großer Förderer der bildenden Künste und initiierte eine Zusammenarbeit Raffaels mit dem Baumeister Donato Bramante und dem Bildhauer Michelangelo. Im Jahr 1512 erteilte der Papst ihm schließlich den Auftrag, ein großes Gemälde für den Altar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza anzufertigen. Dieser Auftrag hatte eine politische Vorgeschichte: Die kleine Stadt in Oberitalien war unlängst durch Truppen des Papstes von einer französischen Besatzung befreit worden. Anschließend kehrte Piacenza zurück in das Hoheitsgebiet des Kirchenstaates. Mit der Sixtinischen Madonna sollte dieses Ereignis gewürdigt und gefeiert werden.

Sixtinische Madonna Beschreibung: Eine Szene zwischen Himmel und Erde

Die Sixtinische Madonna von Raffael zeigt eine Szene, die sowohl biblische als auch irdische Figuren vereint. Im Mittelpunkt steht Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm. Ihre Fußstellung deutet darauf hin, dass sie sich auf etwas zubewegt. Mutmaßlich überschreitet sie die Grenze von der himmlischen in die irdische Welt.

Raffael verlieh seiner Madonna ein sehr junges und hübsches Antlitz. Ihr Blick ist in Richtung der Betrachtenden gerichtet. Ihr Gesichtsausdruck wirkt allerdings etwas melancholisch oder gar sorgenvoll.

Der Maria stellte Raffael zwei berühmte Persönlichkeiten der Religionsgeschichte zur Seite. In der linken Bildhälfte kniet Papst Sixtus II. und schaut zu Maria auf. Dieser Papst wurde im 3. Jahrhundert unter Kaiser Valerian hingerichtet und gilt als Heiliger und Märtyrer. Auf der rechten Seite positionierte Raffael die Heilige Barbara. Überlieferungen zufolge wurde sie von ihrem Vater Dioscuros umgebracht, weil sie sich weigerte, ihren christlichen Glauben aufzugeben. Auch sie gilt unter gläubigen Christen als Märtyrerin.

Der kniende Papst Sixtus II. und die Heilige Barbara

Mit diesen beiden Figuren stellte Raffael einen Bezug zur Kirche San Sisto in Piacenza her, für die er die Sixtinische Madonna ursprünglich malte. Sowohl Reliquien von Papst Sixtus II. als auch von der Heiligen Barbara wurden hier aufbewahrt. Die Klosterkirche diente daher als Ort der Verehrung beider Heiligen.

Bedeutende Elemente im Werk der Sixtinischen Madonna

Neben den Hauptfiguren schenkte Raffael aber auch anderen, weniger prominenten Bildgegenständen viel Aufmerksamkeit. Dies gilt besonders für den Bildhintergrund. Auf den ersten Blick wirkt er wie das Wolkenmeer des Himmels. Beim näheren Hinsehen erkennt man aber, dass Raffael die Wolkenformation aus unzähligen kleinen Engelsköpfen zusammensetzte.

Auch der dunkelgrüne Samtvorhang findet bei vielen Analysen der Sixtinischen Madonna Erwähnung. Dieser Vorhang wird meist dahingehend interpretiert, dass er die Grenze zwischen der irdischen und der göttlichen Sphäre markiere. Mit dem Vorhang habe Raffael symbolisch darstellen wollen, wie Jesus zu den Menschen gekommen sei. Außerdem erfülle der Vorhang eine kompositorische Funktion. Er unterstütze die geometrische Anordnung der drei großen Figuren in einem Dreieck und sorge damit für Ausgewogenheit in der Bildkomposition.

Der dunkelgrüne Samtvorhang

In vielen Bildbeschreibungen wird außerdem auf die Relevanz des ursprünglichen Altarraumes in der Kirche in Piacenza für die Bedeutung der Sixtinischen Madonna hingewiesen. Die Hängung des Gemäldes im Mönchschor von San Sisto habe maßgeblichen Einfluss auf den Bildinhalt gehabt und sei von Raffael auch bewusst in die Bildkonzeption einbezogen worden.

An seiner ursprünglichen Position habe das Gemälde gegenüber einem Kreuz gehangen. Auf dieses Kreuz zeige Papst Sixtus II. mit seiner rechten Hand. Dies wird als Symbol interpretiert, dass das Schicksal Jesu, am Kreuz zu sterben, allen Protagonisten im Bild bewusst gewesen sei. Nach dem Umzug der Sixtinischen Madonna in die Dresdner Gemäldegalerie lässt sich dieser Bezug zum Altarraum aber nicht mehr unmittelbar herstellen.

Die heimlichen Stars des Gemäldes sind zwei kleine Engel

Die Sixtinische Madonna gehört zu den berühmtesten Werken der Renaissance und zieht jedes Jahr Hunderttausende Besucherinnen und Besucher nach Dresden. Seine Popularität verdankt Raffaels Gemälde aber zu einem nicht unwesentlichen Teil zwei Randfiguren des Bildes – den beiden Engelchen am Fuß des Bildes.

Das Engels-Duo

Dieses Engels-Duo dürfte zu den berühmtesten Motiven der Engelskunst gehören. Parallel zum eigentlichen Hauptwerk machen die beiden seit rund 200 Jahren eine eigenständige Karriere. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts sollen sie erstmals losgelöst vom Original verwendet worden sein, unter anderem als Motiv auf Schmuck und Postkarten.

Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehören sie zu den immer wiederkehrenden Figuren in der Welt des Marketings und der Alltagskultur. Auf unzähligen Konsumartikeln wie Geschirr, Handyhüllen, Taschen, Bettwäsche, Kissen, Regenschirmen oder Kaffeedosen werden sie als Motiv verwendet. Der Bildausschnitt mit den beiden Engeln ist außerdem als Reproduktion in Form von Skulpturen oder Bildern sehr beliebt.

Dass die beiden Engel die Sixtinische Madonna in ihrer Popularität beinahe übertreffen, war von Raffael sicherlich nicht so geplant. Es gilt vielmehr als bewiesen, dass Raffael die beiden erst an den unteren Bildrand malte, als das Gemälde eigentlich bereits fertig war. Es heißt, die untere Bildhälfte sei ihm zu leer vorgekommen. Die beiden Engel hatten allem Anschein nach also nicht zur ursprünglichen Bildkonzeption gehört. Ohnehin scheinen sie nicht so richtig in die Szene hineinzupassen.

Durch die Protagonisten Maria, Jesus, Papst Sixtus und Heilige Barbara entsteht eine ernsthafte bis dramatische Stimmung. Da wirken die beiden Engel fast wie ein ironischer Kommentar Raffaels. Verträumt bis gelangweilt schauen sie sich das Geschehen über ihnen an. Das Pathos der Szene scheint sie völlig unberührt zu lassen.

Von Piacenza nach Dresden: Die Sixtinische Madonna zog mehrfach um

Papst Julius II. hatte die Sixtinische Madonna bei Raffael für die Klosterkirche San Sisto in Piacenza in Auftrag gegeben. Doch die Sixtina sollte in den folgenden Jahrhunderten noch mehrfach den Standort wechseln.

Das erste Mal war es 1754 so weit. Dass die Sixtinische Madonna ihren angestammten Platz erstmals räumen musste, war der großen Popularität Raffaels geschuldet. Nicht nur zu Lebzeiten war er ein gefragter Künstler, sondern auch in den folgenden Jahrhunderten. Wer im 18. Jahrhundert in den europäischen Königshäusern etwas auf sich hielt, hatte ein Werk des italienischen Renaissance-Malers in seiner Sammlung.

Auch August III. (1696–1763), König von Polen und Kurfürst von Sachsen und zudem ein großer Kunstfreund, schickte eine Delegation los, um in Italien eines der begehrten Meisterwerke Raffaels aufzutreiben. Die Kunstexperten stießen schließlich auf die Sixtinische Madonna in Piacenza, wo diese ein bis dahin eher unbekanntes Dasein gefristet hatte. Es bedurfte wohl zäher Verhandlungen und einer erheblichen Summe, damit die Mönche das Gemälde August III. überließen.

Noch im gleichen Jahr konnte die Sixtinische Madonna in Dresden präsentiert werden. Kaum angekommen, musste sie die Stadt aber schon wieder verlassen. Wegen des Siebenjährigen Kriegs von 1756 bis 1763 wurde sie kurzzeitig in die Festung Königstein ausgelagert.

Kriegswirren und Rückkehr nach Dresden

Es war wiederum ein Krieg, der die Sixtinische Madonna zu einer kleinen Odyssee zwang. Im Zweiten Weltkrieg war das Bild wegen der Luftangriffe auf Dresden unmittelbar gefährdet. Wie viele andere Kunstschätze aus der Dresdner Gemäldegalerie auch, brachte man es 1944 in einen Eisenbahntunnel bei Großcotta. Nach Ende des Krieges stieß die Rote Armee hier auf das Meisterwerk und brachte es nach Moskau. Hier wurde es zwischenzeitlich im Puschkin-Museum ausgestellt und soll über eine Million Besucherinnen und Besucher angelockt haben.

Zehn Jahre später wurde die Sixtina an Deutschland zurückgegeben. 1955 transportierte man sie zunächst nach Berlin. Hier wurde sie einmalig in einer Ausstellung gezeigt, bevor sie 1956 wieder nach Dresden in die Gemäldegalerie zurückkehrte.

Die Sixtinische Madonna als weltweites Kulturphänomen

Die Sixtinische Madonna lockt heutzutage jährlich Hunderttausende Besucherinnen und Besucher in die Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister. Doch ihre Popularität ist kein neues Phänomen. Schon seit dem Umzug nach Dresden 1754 erfreute sie sich großer Beliebtheit – sowohl beim Publikum als auch bei anderen Kunstschaffenden unterschiedlicher Disziplinen.

Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts ließen sich verschiedene Maler von der Sixtinischen Madonna inspirieren, die sie kopierten und zitierten:

  • 1809 malte Friedrich Burys ein Gemälde mit dem Titel "Kurprinzessin Auguste, die Sixtinische Madonna kopierend".
  • Der russische Maler Mikhail Kornetsky thematisierte in seinem Bild "Die Rettung der Madonna" aus dem Jahr 1985 die Geschichte der Sixtinischen Madonna nach dem Zweiten Weltkrieg.
  • Die Pop-Art-Ikone Andy Warhol griff das Werk 1986 in seiner Hommage "Raphael Madonna $ 6,99" auf.
  • Auch der legendäre Surrealist Salvador Dalí interpretierte das Motiv 1957 in seinem Gemälde "Gala, meine Sixtinische Madonna".

Doch nicht nur Maler und Malerinnen, sondern auch Intellektuelle und Literaten setzten sich intensiv mit der Sixtinischen Madonna von Raffael auseinander. Der Philosoph Arthur Schopenhauer widmete dem Gemälde ein kleines Gedicht, Friedrich Schiller ließ die Sixtina in sein Drama "Die Braut von Messina" einfließen und auch Fjodor Dostojewski zitierte die Madonna von Raffael in "Schuld und Sühne". Für Johann Wolfgang von Goethe war sie "der Mütter Urbild" und "Königin der Frauen" und Heinrich von Kleist soll sich täglich stundenlang das Gemälde angeschaut haben. Die Sixtinische Madonna von Raffael beeinflusste also nachhaltig Kunst und Kultur und wird dies voraussichtlich auch in der Zukunft immer wieder tun.

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