Les Demoiselles d'Avignon: Warum dieses Werk von Pablo Picasso die Kunstwelt erschütterte

Les Demoiselles d'Avignon: Warum dieses Werk von Pablo Picasso die Kunstwelt erschütterte

Autor: ars mundi, Veröffentlichkeitsdatum: 08/2026, Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

In der Kunstgeschichte ist es keine Seltenheit, dass Werke, die heute als Meilensteine der Kunst anerkannt sind, zu ihrer Zeit zunächst auf Unverständnis stießen. So auch im Fall von Pablo Picassos "Les Demoiselles d'Avignon".

Als der spanische Maler 1907 das imposante, gut 2,44 x 2,34 Meter große Gemälde präsentierte, reagierten viele Betrachterinnen und Betrachter mit Ablehnung. Die Kritik richtete sich sowohl gegen die unkonventionelle Gestaltungsweise als auch das Motiv mit fünf nackten Frauen.

Heute hingegen hat sich der Blick auf das Gemälde komplett gewandelt. Es gilt unbestritten als eines der bedeutendsten Gemälde des 20. Jahrhunderts und zählt zu Pablo Picassos berühmten Werken. Uneinigkeit herrscht bestenfalls darüber, wie groß der Einfluss zu bewerten ist, den dieses Bild auf die Malerei hatte. Manche halten es für eines der wichtigsten Werke auf dem Weg zu Kubismus und Abstraktion, andere sehen in dem Gemälde gar einen Wendepunkt in der gesamten Kunst der Moderne.

Im Wesentlichen sind es vier Aspekte, die im Zusammenhang mit "Les Demoiselles d'Avignon" besonders hervorzuheben sind:

  • Sowohl der Malstil als auch das Motiv stellten für viele von Picassos Zeitgenossen eine Provokation dar.
  • Bei der Bildsprache brach Picasso mit mehreren Traditionen der Malerei.
  • Er arbeitete mit Einflüssen aus der Kunst unterschiedlicher Kulturen.
  • Über die Jahrzehnte veränderten sich in der Kunstwelt die Rezeption, die Interpretation und die Bewertung des Gemäldes.

Im Folgenden werden diese vier Punkte näher zu betrachten sein. Dabei soll nachgezeichnet werden, wie sich das Gemälde, das anfänglich stark kritisiert und belächelt wurde, zu einem der bedeutendsten und faszinierendsten Kunstwerke der Welt entwickelte.

Bildanalyse "Les Demoiselles d'Avignon" – eine Provokation in Form und Inhalt

Schon die ersten Reaktionen seiner Zeitgenossen ließen erkennen, dass Picasso mit "Les Demoiselles d'Avignon" alles andere als ein traditionelles Gemälde vorgelegt hatte. Sowohl mit der Wahl des Bildthemas als auch der Form der Darstellung brach er mit vielen Erwartungen und Konventionen.

Das Motiv provozierte und gab Rätsel auf

Pablo Picassos Frauen und die Porträts, die er in seiner Karriere von ihnen schuf, wurden von Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern in zahlreichen Beiträgen thematisiert. "Les Demoiselles d'Avignon" nimmt hier aber noch einmal eine Sonderposition ein.

Anfang des 20. Jahrhunderts kam ein solches Motiv noch einem Tabubruch gleich. Ganz offensichtlich handelt es sich bei den "Jungen Damen von Avignon" um Prostituierte. Allein die Wahl dieses Bildthemas sorgte bereits für Aufregung, da eine solche Szene nach allgemeiner Ansicht nicht in die Welt der Hochkultur gehörte. Das Gemälde zeigt nach Aussage Picassos eine Szene aus einem Bordell in der Carrer d'Avinyó in Barcelona.

In einem ersten Entwurf hatte Picasso den fünf Damen noch zwei Herren zur Seite gestellt. In der finalen Version von 1907 reduzierte er die Personen im Bild aber auf fünf leicht bekleidete bzw. nackte Frauen. Picasso verlieh jeder der Damen einen sehr individuellen Charakter und zeigte sie in unterschiedlichen Körperhaltungen. Vier der Frauen stehen, nur eine von ihnen sitzt rechts unten im Bild. Die zwei Frauen in der Bildmitte haben die Arme hinter dem Kopf verschränkt.

Auffällig ist die unterschiedliche Gestaltung der Gesichter. Die Frau am linken Bildrand hat eine auffallend dunkle Hautfarbe. Für die beiden Damen in der Bildmitte wählte Picasso sehr ähnliche, stark stilisierte Gesichtszüge. Einen deutlichen Kontrast bilden die beiden Frauen am rechten Bildrand, deren Gesichter wie groteske Masken wirken. Picasso konzentrierte in diesem Gemälde alles auf diese fünf Frauen. Lediglich einen Teller mit Früchten fügte er an den unteren Bildrand als einzigen leblosen Bildgegenstand hinzu. Dabei handelt es sich um eine Hommage bzw. Anleihe an das klassische Genre des Stilllebens. Welchen Zweck Picasso damit verfolgte, ist allerdings nicht überliefert.

Die Gestaltungsweise widersprach allen geltenden Regeln

Bei "Les Demoiselles d'Avignon" bewies Picasso Mut, Kreativität und Pioniergeist. Er widersetzte sich hier allen Regeln der Malerei, die zu dieser Zeit für die Darstellung des menschlichen Körpers Geltung hatten.

Üblicherweise orientierten sich Malerinnen und Maler zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch weitestgehend an den natürlichen Formen. Picasso hingegen wollte die Welt nicht mehr möglichst realistisch wiedergeben. Vielmehr strebte er danach, seinen Gemälden eine eigenständige ästhetische Wirkung zu verleihen. Dafür interpretierte er die Formen und Proportionen der Körper grundlegend neu. Viele Konturen überführte er von natürlichen runden und geschwungenen Linienführungen in eckige, oftmals sogar geometrische Formen. Er verzichtete auf die meisten Details und reduzierte Körperteile wie Arme oder Beine auf einfache Grundformen. Durch diese abstrahierende Darstellungsweise entfernte er sich von der traditionellen Ästhetik von Porträts und bot eine neue Sichtweise auf dieses Genre an.

Bei der Farbgebung für das Gemälde setzte Picasso vier Schwerpunkte:

  1. Für die Körper der Frauen verwendete er vor allem Beige, Ocker und Rosa. Den Bildhintergrund gestaltete er mit einem Farbverlauf von links nach rechts. Dabei lassen sich drei Farbzonen ausmachen.
  2. Ganz links dominieren kräftige und dunkle Farben wie Braun und Rot. Zur Bildmitte entsteht ein Kontrast durch Töne wie Weiß, Grau und Silber. Von der Bildmitte nach rechts kommen noch blasse Blautöne hinzu.
  3. Für den Bildhintergrund verwendete Picasso nicht große Flächen, sondern er setzte ihn aus vielen kleineren Fragmenten unterschiedlicher Größe und Farben zusammen.
  4. Bei den Farbfeldern hielt er sich nicht an ein bestimmtes Muster, sondern variierte ihre Form.

Auch Perspektive und Räumlichkeit setzte Picasso außer Kraft

Doch nicht nur in der Darstellungsweise widersetzte sich Picasso den damals üblichen Konventionen der Malerei. Er verzichtete ebenfalls auf die Zentralperspektive. Diese Form der Bildkomposition, die von einem zentralen Fluchtpunkt ausgeht, wurde seit der Renaissance verwendet, um die Illusion von Räumlichkeit und Entfernung zu erzeugen. Bei "Les Demoiselles d'Avignon" verweigerte Picasso aber jegliche räumliche Tiefe. Alle Bildobjekte sowie der Bildhintergrund scheinen auf einer Ebene zu liegen.

Ebenfalls besonders ist, dass er offenbar ein und derselben Figur aus verschiedenen Blickwinkeln malte. Bei der sitzenden Frau rechts unten wirkt es so, als sei sie in einer Rückenansicht zu sehen. Gleichzeitig zeigt Picasso ihr Gesicht in einer Frontalansicht. Mit dem Spiel mit den Perspektiven erreichte Picasso, dass das Auge des Betrachtenden vergeblich nach einer realistischen Staffelung der Bildobjekte und einer räumlichen Ordnung sucht.

Die abstrahierende Formgebung und die Zweidimensionalität, die Picasso hier anwendete, wurden später auch zu wesentlichen Merkmalen des Kubismus. Gemeinsam mit Georges Braque hatte Picasso diesen Malstil entwickelt. "Les Demoiselles d'Avignon" gilt deshalb auch als ein wegweisendes Werk, in dem Picasso bereits einige Gestaltungsmerkmale des Kubismus ausprobierte.

Picasso ließ sich von Kunst aus verschiedenen Kulturkreisen inspirieren

Pablo Picasso schuf mit diesem Werk einen Meilenstein der klassischen Moderne. Doch einige der zahlreichen Bildanalysen von "Les Demoiselles d'Avignon" wollen nicht unwesentliche Einflüsse von Künstlerinnen und Künstlern anderer Epochen entdeckt haben. In diesem Zusammenhang wird immer wieder Paul Cézannes Serie der "Badenden" erwähnt. Sowohl beim Motiv als auch bei der Gestaltungsweise ließen sich in "Les Demoiselles d'Avignon" Anleihen an diese Werke von Cézanne erkennen.

Meist konzentriert sich dass Interesse aber auf die Beeinflussung von Picassos Arbeit durch nicht-europäische Kulturen. Diese Interpretationen beziehen sich vor allem auf die Gesichter der beiden Frauen am rechten Bildrand. Picasso gestaltete diese nicht stilisiert, wie die anderen Gesichter im Bild, sondern setzte ihnen im wahrsten Sinne des Wortes Masken auf. Diese Masken lassen Assoziationen zu den Werken von Kunstschaffenden aus Afrika und Ozeanien zu, ohne dass hier eine konkretere Zuordnung möglich wäre.

Ganz unbegründet ist dieser Eindruck aber nicht, zeigte Picasso sich doch höchst interessiert an Kunstwerken vom afrikanischen Kontinent. So hatte er öfter das "Musée d'Ethnographie du Trocadéro" besucht, ein großes anthropologisches Museum in Paris. Unter dem Eindruck der dortigen Ausstellungen soll er angefangen haben, selbst entsprechende Exponate zu erwerben und Masken im Stil afrikanischer und ozeanischer Werke zu malen. Einen direkten Einfluss auf seine Kunst hatte Picasso aber immer zurückgewiesen. Zwar sei ihm wohl die Idee für das Gemälde nach einem Besuch im Trocadéro gekommen. Doch dabei habe nicht die Form der Masken eine Rolle gespielt, sondern ihr "exorzistischer" Charakter.

Mit seinen offensichtlichen Anleihen bei nicht-europäischen Kulturen folgte Picasso der Idee des "Primitivismus". Unter diesem Begriff artikulierte sich in der Klassischen Moderne die Sehnsucht nach künstlerischen Ausdrucksformen, die frei von den akademischen Regeln der europäischen Kunstwelt waren.

Viele Künstlerinnen und Künstler suchten diese Unberührtheit und Ursprünglichkeit in der Kunst Afrikas, Asiens und Ozeaniens. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Kunst indigener Völker nicht als "primitiv" im Sinne von unterentwickelt und rückständig bezeichnet werden darf. Der "Primitivismus" bezeichnet lediglich die Praxis europäischer Kunstschaffender, die Kunst anderer Kulturen in ihre Werke einfließen zu lassen.

"Les Demoiselles d'Avignon" Analyse – die Wirkung des Gemäldes auf das Publikum

Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte "Les Demoiselles d'Avignon" bei seiner ersten Präsentation für Reaktionen zwischen Entsetzen, Verwunderung und Spott. Sowohl die Darstellung nackter Frauen als auch die unkonventionelle Gestaltungsweise stießen bei vielen Betrachtenden auf Ablehnung. Auch wenn diese beiden Punkte heutzutage wohl nicht mehr für Aufregung sorgen dürften, vermag das Werk immer noch eine eindrückliche Wirkung zu entfalten.

Zweifelsohne strahlt das Gemälde eine große Energie aus. Durch die vielen spitzen Winkel und kantigen Formen kann das Bild auf den ersten Blick unharmonisch und unruhig wirken. Manche Bildanalysen wollen in dem Gemälde gar eine gewisse Aggressivität erkennen. Diese resultiere nicht nur aus der radikalen Neuinterpretation der Körperformen und den deformierten Konturen. Auch die Masken der beiden Frauen auf der rechten Bildseite wirkten unheimlich und bedrohlich.

Darüber hinaus wird in vielen "Les Demoiselles d'Avignon" Bildanalysen auf das Verhältnis der Frauen zu den Betrachtenden hingewiesen. Mindestens zwei der fünf Damen sehen das Publikum direkt an. Geht man davon aus, dass es sich bei den Frauen um Prostituierte handelt, schlüpfen die Betrachtenden damit in die Rolle der Freier, die die Damen begutachten.

Gleichzeitig beobachten die Frauen aber auch die Personen, die vor der Leinwand stehen. Durch den starren Blick der Frauen ließ Picasso eine Form der Interaktion mit den Betrachtenden entstehen, die damit zu einem Teil des Kunstwerks werden.

Trotz anfänglich negativer Reaktionen gelangte das Bild zu Weltruhm

Nachdem Pablo Picasso "Les Demoiselles d'Avignon" fertiggestellt hatte, zeigte er es zunächst nur einem kleinen Kreis von Freunden, Kunstschaffenden und Kunstkennern. Bereits hier gingen die Reaktionen weit auseinander und reichten von harscher Kritik über Unverständnis bis zu Hohn und Spott.

Auch von Seiten der Galeristen gab es wenig Positives zu hören. Sowohl Daniel-Henry Kahnweiler als auch Ambroise Vollard, die beide später Picasso stets gefördert hatten, zeigten sich wenig interessiert. Der Kunstkritiker Félix Fénéon soll das Gemälde gar als eine Art Karikatur bezeichnet haben.

Vom Staubfänger im Atelier zum Publikumsmagneten im MoMA

Vielleicht lag es an den anfänglich verhaltenen bis offen kritischen Reaktionen, dass Picasso das Gemälde zunächst unter Verschluss hielt. Lange bewahrte er es in seinem Atelier auf.

Erst 1916, also fast zehn Jahre nach der Fertigstellung, wurde es erstmals in der Galerie Barbazanges in Paris öffentlich ausgestellt. Es sollte noch bis 1924 dauern, bis Picasso das Gemälde an den Modeschöpfer und Kunstmäzen Jacques Doucet verkaufen konnte. 1939 erwarb das Museum of Modern Art in New York das legendäre Gemälde für seine Sammlung. Hier gehört es heute zu den großen Publikumslieblingen.

Bedeutung für den Kubismus und die Kunstgeschichte

Heute herrscht weitestgehend Einigkeit darüber, dass Picasso mit "Les Demoiselles d'Avignon" eines der wichtigsten Werke der Kunstgeschichte vorlegte. Es als das erste kubistische Gemälde zu bezeichnen, würde aber wohl zu weit gehen.

Richtig ist, das Picasso hier bereits Gestaltungsmerkmale verwendete bzw. andeutete, die kurze Zeit später zu den charakteristischen Elementen des Kubismus werden sollten. Zu nennen wären hier die

  • Rückführung der Bildgegenstände auf geometrische Formen,
  • die Loslösung von konventionellen Proportionen und
  • die Zweidimensionalität durch den Verzicht auf räumliche Tiefe.

Außerdem experimentierte Picasso auch hier bereits mit verschiedenen Blickwinkeln auf die Objekte im Gemälde. Zweifelsohne bewies er mit diesem Werk Pioniergeist. Gleich mehrere Standards der Malerei setzte er außer Kraft und eröffnete völlig neue Möglichkeiten der Bildgestaltung. Damit bereitete er nicht nur dem Kubismus, sondern auch der Abstraktion den Weg.

Weiteres Wissenswertes über Pablo Picassos Werke

Viele Facetten dieses berühmten Gemäldes von Picasso konnten in diesem Artikel beleuchtet werden. Sollten Sie Interesse an weiteren Werken des spanischen Malers haben, empfehlen wir Ihnen unsere Magazinbeiträge zu "Picasso und die Tauben" und "Guernica" – Mahnmal gegen den Krieg”.

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