Picasso und die Tauben
Sie gehört zu den wichtigsten politischen Symbolen des 20. Jahrhunderts – die Friedenstaube. Seit über 70 Jahren ist sie auf Plakaten, T-Shirts und Fahnen gegen Krieg, Gewalt und Aufrüstung zu sehen.
Daran, dass die Taube zum Sinnbild des Friedens werden konnte, hatte Pablo Picasso (1881 – 1973) einen nicht unwesentlichen Anteil. Der wohl bedeutendste Künstler des 20. Jahrhunderts und Pionier der Avantgarde hat die Friedenstaube zwar nicht erfunden, doch ohne sein Bild von einer weißen Taube aus dem Jahr 1949 hätte die Friedensbewegung heute womöglich nicht eines ihrer wichtigsten Symbole.
Tauben spielten im gesamten Werk von Picasso eine bedeutende Rolle. Wie aus einer Lithografie von einem Lieblingstier Picassos ein Meilenstein der politischen Kunst werden konnte, zeigt die Geschichte von der Friedenstaube. Im Folgenden soll u.a. den Fragen nachgegangen werden, welche Bedeutung die Taube als Motiv in Picassos Biografie hatte, welche Technik er bei seiner Version von 1949 verwendete und wie sich dieses Motiv zu einem Symbol des Friedens entwickeln konnte.
Warum malte Picasso Tauben?
Picassos Vorliebe für Tauben als Motive für seine Werke ist in der Biografie des spanischen Malers begründet. Nicht nur in seiner Kunst, sondern in seinem gesamten Leben spielten Tauben eine bedeutende Rolle.
Pablo Picasso hatte generell ein ganz besonderes Verhältnis zu Tieren. Es heißt, er habe sie weitaus mehr geschätzt als die Menschen. Seit seiner Kindheit hatte er mit verschiedenen Tieren zusammengelebt, zum Beispiel mit Hunden und Ziegen. Eine sehr innige Verbindung hatte er zu Tauben.
Bei einem Blick auf seine Biografie lassen sich zahlreiche Momente finden, in denen diese Vögel eine Rolle spielten. Bereits in seinem Elternhaus war er von Tauben umgeben. Sein Vater Don José Ruiz Blasco hielt sich einige Tauben und fertigte zahlreiche Gemälde von ihnen an. Später hielt sich auch Pablo Picasso einige dieser Vögel.
Durch den engen Kontakt, den Picasso schon als Kind zu Tauben hatte, machte er sie auch schon früh zu Motiven seiner Werke. So zeigt eines seiner berühmtesten Gemälde "Kind mit Taube" (1901) seinen Lieblingsvogel in den Händen eines kleinen Mädchens.
In den folgenden Jahrzehnten tauchten die Tauben immer wieder in den Werken von Picasso auf:
- 1949 entwarf er die Variante, die später als seine erste Friedenstaube in die Kunstgeschichte eingehen sollte.
- 1952 schuf er mit "Fliegende Taube im Regenbogen" eine fragmentierte Friedenstaube.
- Bekannt wurde auch eine Version von 1961, die auf einem Plakat für einen Friedenskongress im französischen Issy-les-Moulineaux im Jahr 1962 verwendet wurde. Bei dieser Lithografie definierte Picasso mit nur wenigen Linien die Konturen der Taube mit einem Ölzweig im Schnabel.
- Auch in unpolitischen Werken griff Picasso seine Lieblingsvögel immer wieder auf. So zeigt "Die Tauben II" aus dem Jahr 1957 einen Blick auf einen Balkon mit mehreren Tauben und "Taube mit grünen Erbsen" (1911) eine stark abstrahierte Interpretation im Stil des Kubismus.
Wie aus Picassos Taube ein Symbol der Friedensbewegung wurde
Die Geschichte der Taube als weltweites Friedenssymbol begann 1949 in Paris. Eine Lithografie Picassos von einer weißen Taube wurde für ein Plakat für den ersten Weltfriedenskongress verwendet, der im gleichen Jahr in der französischen Hauptstadt stattfand. Dass sein Bild von einer Taube für diesen Zweck verwendet wurde, hatte Picasso aber nie geplant.
Die Nutzung der Taube als politisches Symbol war ursprünglich nicht geplant
Das Motiv der Taube hatte Picasso seit seiner Jugend begleitet. Immer wieder griff er seine Lieblingsvögel in seinen Gemälden und Lithografien auf. Zu einer Ikone der Friedensbewegung wurde eines dieser Werke dann eher zufällig. Im Januar 1949 besuchte ihn der befreundete Dichter und Schriftsteller Louis Aragon, der sich in der Weltfriedensbewegung engagierte. Er war auf der Suche nach einem Motiv für ein Plakat zum Weltfriedenskongress, der im gleichen Jahr für Paris geplant war. Seine Wahl fiel auf die Lithografie einer weißen Taube, die Picasso unmittelbar vorher angefertigt hatte.
Im Gegensatz zu dem abstrahierenden Stil, für den Picasso später berühmt werden sollte, hatte er hier eine weitestgehend realistische Darstellung gewählt. Dies soll auch ein Grund dafür gewesen sein, dass Aragon dieses Bild auswählte. Picassos Taube wirkte nicht zu komplex und war leicht zu erkennen. Außerdem kam Aragon möglicherweise entgegen, dass es sich bei diesem Werk bereits um eine Lithografie handelte. So konnte das Motiv ohne größeren Aufwand auf Plakaten reproduziert werden.
Für was steht die Taube als Symbol?
Es dürfte auch die bereits vorhandene große Symbolkraft der Taube ein Beweggrund bei der Auswahl gewesen sein. Diese beruhte auf verschiedenen Erzählungen aus der Bibel.
- Im Alten Testament wird von einer Taube im Zusammenhang mit der Sintflut berichtet. Mit ihrem Ölzweig im Schnabel signalisierte sie den Menschen auf der Arche Noah, dass sie Land gefunden hatte. Die Taube symbolisiert damit zugleich den Frieden zwischen Gott und den Menschen.
- Im Neuen Testament erscheint die Taube als ein Symbol für Gott, da hier Gottes Geist in Gestalt einer weißen Taube auf die Erde kommt. Es kann davon ausgegangen werden, dass Picasso und Aragon diese biblischen Bedeutungen bewusst waren, als sie sich für die Taube entschieden.
Der symbolträchtige Vogel sollte dann auch bei dem Plakat für den Friedenskongress im Mittelpunkt stehen. Der Lithografie wurde nur noch der Schriftzug "Congres Mondial des Partisans de la Paix" ("Weltkongress der Kämpfer für den Frieden") sowie Datum und Veranstaltungsort hinzugefügt. Dieses Plakat wurde in ganz Paris aufgehängt und konnte sich durch die weite Verbreitung als eine Ikone für den Frieden etablieren.
In den folgenden Jahren schuf Pablo Picasso weitere Varianten der Taube für verschiedene Friedenskongresse. Er steuerte die Vorlagen zu Plakaten u.a. für Veranstaltungen in Berlin, Rom und Moskau bei. Letztlich ist es aber auf das Plakat von 1949 zurückzuführen, dass die Taube ihre Prägung als Zeichen des Pazifismus erhielt. Diese Idee wurde in den folgenden Jahrzehnten unzählige Male zitiert und kopiert. Durch die immer wiederkehrende Verwendung bei weiteren Veranstaltungen zu Frieden und Völkerverständigung wurde dieses Motiv zu einer zentralen Ikone der Friedensbewegung.
Motivgestaltung und Technik von Picassos Taube
Pablo Picasso gilt heute als einer der führenden Köpfe der Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Er entwickelte gemeinsam mit Georges Braque den Kubismus und wurde damit zum Wegbereiter der Abstraktion. Viele seiner berühmten Werke wie "Les Demoiselles d’Avignon" (1907) oder "Guernica" (1937) stammen aus der Phase, in der er mehr und mehr den Realismus hinter sich ließ. Trotzdem besann sich Picasso aber auch immer wieder auf die figurative Stilistik der alten Meister und des Klassizismus.
Auch Picassos Taube aus dem Jahr 1949 scheint nicht ganz in das Bild des radikalen Erneuerers der Malerei zu passen. Im Gegensatz zu seinen kubistischen Werken, in denen alle Naturgesetze außer Kraft gesetzt zu sein scheinen, kehrte Picasso bei dieser Taube wieder zu einer fast traditionellen Darstellungsweise zurück. Er schuf hier keine komplexen Bildstrukturen mit abstrahierten Objekten, sondern stellte schlicht eine einzige Taube in den Mittelpunkt.
Ihre Proportionen gestaltete er nahezu naturgetreu, allerdings verzichtete er auf viele Details. Nur den Kopf und die Schwanzfedern definierte er deutlicher. Beim weitaus größeren Teil des Federkleids beließ er es bei einer großen weißen Fläche. Dadurch erlangte er den Effekt eines kräftigen Hell-Dunkel-Kontrasts. Es scheint, als würde die Taube aus der Dunkelheit heraustreten, die sie umgibt.
Picasso fertigte die Abzüge von "La Colombe" im Steindruckverfahren an. Die Schwarz-Weiß-Lithografien entstanden im Atelier von Fernand Mourlot in Paris. Dieser war bei vielen Künstlerinnen und Künstlern der Moderne wegen seiner perfekten Handwerkskunst hochgeschätzt. Neben Picasso arbeiteten unter anderen auch Georges Braque, Marc Chagall, Henri Matisse und Joan Miró mit ihm zusammen.
Die Friedenstaube als politisches Motiv
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte Picassos Taube weltweit Bedeutung in Politik und Gesellschaft. Bis heute wird die Friedenstaube von den unterschiedlichsten politischen Parteien und Gruppierungen für die eigenen Zwecke eingesetzt.
Nachdem Picasso 1949 erstmals seine Taube für den "Weltkongress der Kämpfer für den Frieden" zur Verfügung gestellt hatte, fertigte er viele Jahre lang weitere Varianten der Taube für diese Kongresse an. Schon bald begann sich dieses Motiv zu verselbständigen. Zahlreiche andere Malende, Grafikerinnen und Grafiker griffen es auf und schufen ihre eigenen Versionen der Friedenstaube. Sie behielt aber immer ihren Wert als Sinnbild für den Pazifismus.
Naturgemäß haben aber die verschiedenen politischen und ideologischen Lager sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Begriff des Friedens bzw. davon, wie Frieden zu erreichen und zu erhalten sei. Dadurch wird auch die Taube als Friedenssymbol von vielen Akteuren häufig im eigenen Sinne interpretiert und instrumentalisiert.
Bereits bei ihrer ersten Verwendung als Friedenszeichen war die Taube ideologisch geprägt. Der Weltfriedenskongress in Paris, für den das Plakat mit der Taube warb, wurde von der "Komintern", einem Bündnis internationaler kommunistischer Parteien, organisiert. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Friedenstaube in den unterschiedlichsten Kontexten eingesetzt. Besonders in der DDR zählte sie zu den am häufigsten verwendeten politischen Symbolen. Regelmäßig schmückte die SED ihre Parteitage und andere staatliche Veranstaltungen mit der Friedenstaube.
Aber auch in der weltweiten Friedensbewegung diente die Taube als Symbol der Identifikation, zum Beispiel bei Demonstrationen in den USA gegen den Vietnam-Krieg. Auch in der Bundesrepublik wehten auf Demonstrationen häufig die Fahnen mit der weißen Taube, zum Beispiel Anfang der 1980er-Jahre bei den Protesten gegen den NATO-Doppelbeschluss, der die Aufstellung von Atomraketen in Westeuropa vorsah.
Parallel tauchte das Friedenssymbol auch bei pro-russischen Demonstrationen und Veranstaltungen der Reichsbürger auf. Dies zeigt, dass mit der Friedenstaube mitnichten eine eindeutige, übergeordnete Botschaft oder politische Position verknüpft ist. Vielmehr erscheint ihre Verwendung und Bedeutung als sehr beliebig und ist rein abhängig von den jeweiligen Interessen und Zielen politischer Akteure.
Picassos Taube heute – beliebtes Museumsexponat und Motiv der bildenden Kunst
Von der ursprünglichen Auflage von Pablo Picassos Friedenstaube existieren heute noch mehrere Exemplare. Picasso hatte mit Fernand Mourlot eine Reihe von Lithografien von der Taube hergestellt. Sie produzierten fünf Künstlerexemplare sowie fünfzig signierte und nummerierte Drucke auf Büttenpapier. Diese Auflage wurde später von der Pariser Galerie Louise Leiris herausgegeben.
In den folgenden Jahrzehnten widmete sich Picasso immer wieder dem Motiv der Taube. Auch viele dieser Varianten gehören heute zu den Sammlungen renommierter Kunsthäuser, zum Beispiel des Museum of Modern Art, New York oder des Museu Picasso in Barcelona.
Als Picasso 1949 seine Taube für den Weltfriedenskongress zur Verfügung stellte, konnte er sicher nicht ahnen, welche Bedeutung sie für Kunst, Politik und Gesellschaft einmal haben sollte. Doch die Taube besitzt bis in die Gegenwart große Strahlkraft als universelles Symbol des Friedens. Die Friedenstaube inspirierte auch zahlreiche berühmte Künstlerinnen und Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts, u.a. Markus Lüpertz, A.R. Penck und Georges Braque.
2007 kreierte der Street-Art-Künstler Banksy seine ganz eigene Version des Friedenssymbols. In Bethlehem sprühte er an ein Gebäude mit Einschusslöchern eine weiße Taube in einer kugelsicheren Weste mit einem Fadenkreuz auf der Brust. Diese und viele weitere zeitgenössische Interpretationen der Friedenstaube lassen darauf schließen, wie aktuell die Taube auch heute noch als Symbol gegen Krieg und Gewalt ist.