Salvator Mundi von Leonardo da Vinci: Rätselhaftes Werk der Renaissance
Der 15. November 2017 dürfte als einer der denkwürdigsten Momente in die Kunstgeschichte eingehen: Beim Auktionshaus Christie's ersteigerte ein unbekannter Käufer für 450 Millionen Dollar das Gemälde "Salvator Mundi". Das Werk, das dem Renaissance-Künstler und Universalgenie Leonardo da Vinci zugesprochen wird, ist damit das teuerste Gemälde aller Zeiten, das bei einer Auktion verkauft wurde.
Nicht nur wegen des Kaufpreises spaltet da Vincis Porträt von Jesus Christus die Kunstwelt. Einige Kritikerinnen und Kritiker halten es für völlig überbewertet und künstlerisch nicht sonderlich wertvoll, andere hingegen sprechen von einer überwältigenden Aura und loben da Vincis einzigartige Perfektion. Es sollen sogar Menschen in Tränen ausgebrochen sein, als sie das Gemälde zu sehen bekamen.
Doch das Werk polarisiert nicht nur Fachleute und Publikum, sondern macht auch immer wieder Schlagzeilen. So werden mit schöner Regelmäßigkeit Spekulationen darüber angestellt, in wessen Besitz sich das Gemälde befindet und wo es aufbewahrt wird. Auch die Frage, ob da Vinci das Werk überhaupt selbst gemalt hat, scheint bis heute nicht abschließend geklärt zu sein. Es sollen wegen Salvator Mundi sogar politische Spannungen zwischen Frankreich und Saudi-Arabien gegeben haben. Diese und viele weitere Anekdoten machen die Biografie von Salvator Mundi zu einem der mysteriösesten und spannendsten Fälle der Kunstgeschichte.
Salvator Mundi Bildanalyse: Da Vincis Interpretation eines traditionsreichen Motivs
"Salvator Mundi" soll etwa an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert entstanden sein. Es zeigt Jesus Christus in einer Porträtansicht vor einem dunklen Hintergrund. Das 66 x 46 cm große Gemälde wurde mit Ölfarben auf Walnussholz gemalt. Wie viele Kunstwerke aus der Hochrenaissance ist das Porträt sehr detailliert und mit natürlichen Proportionen ausgearbeitet. Es wurde in der sogenannten Sfumato-Technik gemalt, als deren Erfinder Leonardo da Vinci gilt.
Bei da Vincis Salvator Mundi fällt diese Technik insbesondere bei den Gesichtszügen auf, die sehr weich wirken. An anderen Stellen wie etwa bei den Haarlocken oder dem Stickmuster auf dem Gewand sind die feinen Linien hingegen sehr gut erkennbar.
Die Ursprünge des Christi-Motivs
Für eine Salvator Mundi Interpretation lohnt sich ein Blick zurück in die Kunstgeschichte. Leonardo da Vinci zeigt hier Jesus als "Retter der Welt" – in einer Frontalansicht mit einer segnenden Hand und einer Glaskugel. Diese Form der Darstellung Christi war in der Renaissance weitverbreitet. Sie hat ihre Wurzeln im Bildtypus des "Pantokrators" (Weltenherrscher), der sich bereits im 6. Jahrhundert entwickelt hatte. In diesem Motiv wird Jesus bereits mit segnender Hand gezeigt. Außerdem ist sein Kopf von einem Kreuznimbus – einem Heiligenschein mit einem Kreuz – umgeben und er hält ein Evangelium in der Hand.
Im Spätmittelalter entwickelte sich daraus das Motiv des "Salvator Mundi". Hier wurde das Evangelium meist durch eine Sphärenkugel ersetzt, die üblicherweise bei Porträts weltlicher Herrscher verwendet wurde. Im Bildthema des Salvator Mundi soll sie die Herrschaft Christi über die Welt symbolisieren. Der Nimbus hingegen variiert von Darstellung zu Darstellung. Manche Malerinnen und Maler verzichteten auf das Kreuz, andere ließen den Heiligenschein ganz weg. Außerdem wurde der Bildtypus hin und wieder durch das Christusmonogramm oder ein Spruchband ergänzt.
Beim Salvator Mundi von Leonardo da Vinci konzentriert sich der Symbolgehalt auf die segnende Hand und die Glaskugel. Christus hat die rechte Hand erhoben und zeigt die Segensgeste. Seine Finger formen die Buchstaben "IC-XC" als Abkürzung für "Jesus Christus".
Das Rätsel der Glaskugel
In vielen Salvator Mundi Bildanalysen wurde darüber hinaus die Glaskugel näher untersucht. Dabei wurde häufig die Frage aufgeworfen, warum in der Kugel keine Lichtbeugung bzw. Verzerrung zu sehen sei. Dies wäre bei einer massiven Glaskugel zu erwarten gewesen. Dass es sich um eine fehlerhafte Darstellung handelt, erscheint angesichts der ausgeprägten naturwissenschaftlichen Kenntnisse da Vincis unwahrscheinlich.
Eine plausible Antwort präsentierte ein Forscherteam der University of California. Eine 3D-Simulation der Kugel ergab, dass da Vinci höchstwahrscheinlich eine hohle Kugel mit einer dünnen Glaswand abbilden wollte. In diesem Fall wäre die Darstellung physikalisch korrekt.
Auffällig bei der gesamten Bildkomposition ist, dass da Vinci mit dem Kreuznimbus und dem Kreuz auf der Sphärenkugel auf zwei zentrale religiöse Merkmale verzichtete. Dies wurde dahingehend gedeutet, dass der Naturwissenschaftler und Universalgelehrte mit seiner Form der Darstellung eine weltliche Sichtweise auf Jesus Christus präsentieren wollte.
Salvator Mundi wechselte mehrmals den Besitzer
Nicht nur aufgrund seines spektakulären Kaufpreises sorgte Salvator Mundi von Leonardo da Vinci für Schlagzeilen. Auch die Provenienz des Gemäldes beschäftigt anhaltend die Kunstwelt. Allerdings ist die Liste der Besitzer des über 500 Jahre alten Bildes nicht lückenlos belegt.
Als erster bekannter Eigentümer gilt der englische König Karl I., zu dessen Sammlung Salvator Mundi von 1649 bis 1736 gehört haben soll. Im Anschluss soll sich das Werk im Besitz des Herzogs von Buckingham befunden haben und später in die Sammlung des englischen Textilhändlers Sir Frederick Cook übergegangen sein. Hier beginnt auch der spannende Teil der Historie von Salvator Mundi. Es gilt als belegt, dass die Erben Cooks das Werk im Jahr 1958 für 45 britische Pfund an den amerikanischen Möbelhändler Warren E. Kuntz verkauften. Zu diesem Zeitpunkt galt da Vinci noch nicht als Urheber, sondern das Bild wurde einem seiner Schüler zugeordnet.
Rund 60 Jahre später tauchte es wieder auf. 2005 ersteigerte der New Yorker Kunsthändler Robert Simon das Werk für rund 1200 Dollar. Es soll stark übermalt und insgesamt in einem sehr schlechten Zustand gewesen sein. Simon beauftragte die renommierte Restauratorin Dianne Modestini damit, das Werk wieder in den Urzustand zu versetzen. Nach der Restauration präsentierte die National Gallery London das Gemälde in einer Ausstellung als ein Original von da Vinci.
Nach diesem Ritterschlag wanderte Leonardo da Vincis Salvator Mundi von Auktion zu Auktion – mit einer nicht enden wollenden Preisspirale. 2013 erstand der Schweizer Kunsthändler Yves Bouvier das Werk für 80 Millionen Dollar – nur um es umgehend für 127,5 Millionen Dollar an den russischen Unternehmer Dmitri Rybolowlew zu verkaufen. Es folgte 2017 die spektakuläre Auktion bei Christie's, bei der mit 450 Millionen Dollar der höchste Preis für ein Kunstwerk in der Geschichte aufgerufen wurde. Allerdings ist unklar, an wen das Gemälde ging.
Nach der Auktion verschwand es aus der Öffentlichkeit und es kursierten verschiedene Gerüchte über den Aufbewahrungsort. Mal soll es in Saudi-Arabien gesichtet worden sein, mal hieß es, es hänge auf einer Yacht des saudischen Kronprinzen. 2024 verlautbarte die britische BBC, das Werk liege in einem Zollfreilager in Genf – bislang die aktuellste Theorie über den Verbleib.
Trotz des hohen Preises bleiben Zweifel an der Urheberschaft
Neben der Provenienz scheint immer noch nicht abschließend geklärt zu sein, ob Leonardo da Vinci für diesen Salvator Mundi überhaupt verantwortlich sei. Als Warren E. Kuntz das Gemälde für 45 Dollar erstand, wollte es noch niemand für ein Original von da Vinci halten. 2005 kam zum ersten Mal die Vermutung auf, dass es sich möglicherweise doch um ein Werk des italienischen Renaissance-Meisters handeln könnte.
Mittlerweile kursieren zahlreiche Theorien, die beweisen sollen, dass Salvator Mundi nicht von da Vinci gemalt wurde. Vorsicht bei der Zuschreibung der Urheberschaft sei zunächst einmal deshalb geboten, weil das Werk mehrfach übermalt, beschädigt und schließlich grundlegend restauriert worden sei. Allein deshalb sei der Malstil eines bestimmten Kunstschaffenden kaum zweifelsfrei zu identifizieren.
Manche Kritikerinnen und Kritiker gehen gar davon aus, dass die Restauratorin Modestini das Werk gezielt nach einem "da Vinci" habe aussehen lassen wollen und es entsprechend manipulierte. Andere verweisen in ihrer Salvator Mundi Bildanalyse auf die für da Vinci eher untypische Darstellungsweise. So habe etwa das Gesicht im Vergleich zu anderen Werken des Renaissance-Künstlers kaum Ausdruckskraft.
Ebenfalls Zweifel an der Echtheit meldete ein Team von Fachleuten des Pariser Louvre an. Im Juni 2018 unterzog es das Bild einer mehrmonatigen Untersuchung, u.a. mit Röntgen-Technik. Das Team kam zu dem Schluss, dass Leonardo da Vinci nicht der Urheber sei. Womöglich sei das Gemälde in seiner Werkstatt von einem seiner Schüler gemalt worden. Da Vinci aber sei bestenfalls für einige kleine Ergänzungen verantwortlich. Daher weigerten sich die Louvre-Expertinnen und -experten, das Werk als Original auszuweisen.
Es gibt aber auch Analysen, die zu dem Schluss kommen, dass es sich bei dem Werk durchaus um ein Original handeln könnte. Diese verweisen oft auf die Maltechnik des Gemäldes. Demnach seien die Parallelen zwischen Salvator Mundi und anderen Gemälden da Vincis offenkundig. So erinnere die Mundpartie offensichtlich an das Lächeln der "Mona Lisa". Auch die filigran ausgearbeiteten Haarlocken oder die Lichtbrechung in der Glaskugel deuteten auf da Vinci als Urheber hin. Außerdem existierten Vorstudien vom Gewand des Erlösers, die nachweislich da Vinci zugeordnet werden könnten. Diese Skizzen stünden im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Gemälde.
Trotz aller Erklärungsversuche konnte die Frage, wer diesen Salvator Mundi malte, bis heute nicht geklärt werden. Vollständige Gewissheit darüber wird es vermutlich auch niemals geben – und der Mythos des Gemäldes wird weiterleben.
Auch nach der Auktion ging das Verwirrspiel um Salvator Mundi weiter
Bereits vor dem Jahr 2017 wies das Gemälde mit seiner ungeklärten Urheberschaft und den mehrmaligen Verkäufen eine abenteuerliche Geschichte auf. Den vorläufigen Höhepunkt stellte dann aber zweifellos die Auktion bei Christie's in New York dar. Alle Zweifel an der Echtheit des Gemäldes schienen keine Rolle mehr zu spielen.
Vor der Versteigerung lag der Schätzpreis bei rund 100 Millionen Dollar – doch dieser wurde bekanntermaßen weit übertroffen. Nach 20 Minuten stand die Rekordsumme von 450 Millionen US-Dollar fest. Die Identität des Käufers gab das Auktionshaus nicht bekannt. Man vermutete, dass es sich um zwei Investmentgesellschaften gehandelt habe. Mit dem spektakulären Verkauf war das Gemälde aber noch lange nicht aus den Schlagzeilen verschwunden. Es folgte ein Verwirrspiel um den Verbleib des Bildes und die Identität des Besitzenden – und auch die Frage nach der Echtheit des Gemäldes musste neu gestellt werden.
Die Investmentgesellschaften, die als Käuferinnen aufgetreten sein sollen, hätten einen Plan vorgestellt, nach dem das Gemälde langfristig im "Louvre Abu Dhabi" gezeigt werden sollte. Eine für 2018 geplante Ausstellung fand allerdings nie statt. Das Museum nannte keinerlei Gründe für die Absage und mit der geplatzten Ausstellung verlor sich auch die Spur des Gemäldes. Oder verlief vielleicht doch alles ganz anders?
Tatsächlich habe der Kronprinz von Saudi-Arabien Mohammed bin Salman das Bild erstanden, möglicherweise auch im Auftrag der Kulturbehörde Abu Dhabis. Bei einem Staatsbesuch in Paris im April 2018 sollen er und der französische Präsident Emmanuel Macron eine Vereinbarung getroffen haben, nach der der vermeintliche da Vinci in einer großen Ausstellung zum italienischen Renaissance-Meister im Pariser Louvre 2019 präsentiert werden sollte.
Der Kronprinz habe für seine Leihgabe zur Bedingung gemacht, dass Salvator Mundi direkt neben der Mona Lisa ausgestellt werde. Der Pariser Louvre habe sich aber skeptisch gezeigt und eine weitere umfassende Salvator Mundi Bildanalyse in Auftrag gegeben. Das Expertenteam konnte dabei nicht zweifelsfrei feststellen, dass es sich um ein Original da Vincis handelte. Es habe empfohlen, dass das Werk nicht ohne einen entsprechenden Kommentar ausgestellt werden solle.
Bin Salman zeigte sich wenig erfreut von dieser Nachricht und drohte damit, nicht nur die Ausleihe zu verweigern, sondern auch ein geplantes milliardenschweres Wirtschaftsprojekt zwischen Saudi-Arabien und Frankreich platzen zu lassen. Es habe eine schwere Belastung der Beziehungen beider Länder gedroht. Der französische Außenminister habe sich sogar genötigt gesehen, das Team des Louvre zu einer Anerkennung des Gemäldes als echten "da Vinci" zu bewegen. Schließlich habe Präsident Emmanuel Macron ein Machtwort gesprochen. Er habe das Team vom Louvre in seiner Auffassung unterstützt, dass das Bild möglicherweise nicht von da Vinci sei. Da sich die Expertinnen und Experten nicht hundertprozentig sicher waren, wollte er kein Risiko eingehen. Das Ansehen des Louvre als renommierte Kunstinstitution und damit der Ruf ganz Frankreichs habe auf dem Spiel gestanden.
Daraufhin habe Saudi-Arabien das Gemälde aus der Ausstellung genommen. Seitdem fehlt vom Salvator Mundi jede Spur. Antoine Vitkines wartet in seinem Film mit vielen schlüssigen Analysen und vertrauenswürdigen Interviewpartnerinnen und Partnern auf. Alle Fragen rund um Salvator Mundi konnte aber auch er nicht klären.
Die Geschichte von Salvator Mundi ist ein Lehrstück über den aktuellen Kunstmarkt
Die Biografie von Salvator Mundi von Leonardo da Vinci enthält immer noch mehr Fragen als Antworten. Ganz sicher aber lässt sich aus der Geschichte dieses Gemäldes viel über die Mechanismen und den derzeitigen Zustand des Kunstmarktes lernen – zumindest in den hochpreisigen Segmenten.
Angesichts eines Kaufpreises von fast einer halben Milliarde Dollar stellt sich die grundsätzliche Frage, woran sich der Wert eines Kunstwerkes heutzutage bemisst. Rein mit einer künstlerischen Leistung lassen sich solche Summen kaum noch erklären. Der Wert ist eher in der Prominenz der Kunstschaffenden, der Exklusivität des Werks und dem öffentlichen Interesse zu vermuten.
Besonders teure Gemälde und Skulpturen dienen zudem heute vermehrt als Prestigeobjekte und Statussymbole. Die Käuferinnen und Käufer scheint weniger das Werk selbst, seine künstlerische Ausführung oder der ästhetische Kunstgenuss zu interessieren. Vielmehr geht es ausschließlich um das Ansehen, das man vermeintlich als Besitzende und Besitzender genießt.
Selbst wenn sich herausstellen würde, dass ein sehr teures Kunstwerk wie Salvator Mundi eine Fälschung ist, würde das Gemälde immer noch eine Funktion erfüllen. Die Kaufinteressierten können signalisieren, wie leicht sie solch immense Summe aufbringen und für einen (möglicherweise wertlosen) Gegenstand geradezu verschleudern können.
Zur Wertsteigerung trägt außerdem bei, dass der Kunstmarkt heutzutage grundsätzlich eine sehr hohe Aufmerksamkeit genießt und größere Käuferschichten anspricht. Dazu zählen sowohl Privatleute als auch Wirtschaftsunternehmen. So werden Kunstwerke mittlerweile gehandelt wie andere Wirtschaftsgüter auch. Sie dienen als Kapitalanlage und Spekulationsobjekte und sind in vielen Portfolios von Investmentfonds und Banken zu finden. Angesichts der Strukturen des aktuellen Kunstmarkts erscheint es nicht ausgeschlossen, dass mit den 450 Millionen Dollar für Salvator Mundi noch lange nicht das Ende der Rekorderlöse erreicht ist.